75. Jahrestag der Befreiung. Gedenkstunde an der Schillstraße

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DER 8. MAI IST UNSER FEIERTAG DER BEFREIUNG. Er ist der Tag, an dem die bedingungslose Kapitulation in Kraft trat und der 2. Weltkrieg in Europa beendete wurde. Durch seinen symbolischen Charakter kommen ihm unterschiedliche Bedeutungen zu. Für die einen ist es der Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus, für andere noch immer der Tag der Kapitulation und der deutschen Niederlage. In Russland ist der 9. Mai als „Tag des Sieges“ ebenfalls ein Feiertag.

Der Umgang mit dem historischem Datum in Deutschland gestaltet sich bis heute schwierig. In der rechten Szene wird der Tag für Aufmärsche genutzt, die häufig mit der Vehöhnung der Opfer des Nationalsozialismus einhergehen und einer nationalistischen Mythenbildung dienen. Burschenschaften und andere konservative Kräfte, aber auch viele ältere Menschen verbinden den Tag nicht mit dem Gedanken an Befreiung, sondern der deutschen Niederlage mit all ihren Folgen: Vertreibung, Besatzung, deutsche Teilung, Verlust von Heimat.

In Frankreich, Tschechien und der Slowakei ist der Tag ein offizieller Feiertag. In der Bundesrepublik wurde daraus kein Feiertag, obwohl auch dort der Tag von symbolischer Bedeutung gewesen ist. So stimmten am 8. Mai 1949 Vertreter unterschiedlicher Parteien im parlamentarischen Rat für das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Offiziell wurde der Tag aber bis in die 1960er Jahre eher beschwiegen. Als erster Bundespräsident hielt Gustav Heinemann 1970 an diesem Tag dazu eine Rede.

Spätestens seit der Rede Richard Weizsäckers von 1985 zum 40. Jahrestag des 8. Mai, gilt er auch in der Bundesrepublik als „Tag der Befreiung“ vom Nationalsozialismus. Trotzdem tut sich Deutschland immer noch schwer gemeinsam mit den Russen, den Belorussen und den Ukrainern diesen Tag zu begehen. Diese Länder der ehemaligen Sowjetunion, die unglaublich gelitten hatte unter den Stiefeln der deutschen Soldaten und die den größten Teil des Krieges zu tragen hatten, gehören bei diesen Gedenkfeiern dazu. Egal wie wir politisch zueinander stehen.

In Braunschweig wird der „Tag der Befreiung“ am historischen Ort eines KZ-Außenlagers an der Schillstraße begangen. An diesem Ort dokumentiert die Gedenkstätte die Geschichte Braunschweigs im Nationalsozialismus. Im Mittelpunkt steht das 1997 von Sigrid Sigurdsson initiierte ‚Offene Archiv‘.

Feierstunde in Braunschweig an der Schillstraße

Wie jedes Jahr erinnerte das Bündnis gegen Rechts mit einer Gedenkveranstaltung auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Schillstraße an den Jahrestag der Befreiung vom Faschismus.

Laura Poth bei ihrer Rede zum 75. Jahrestag der Befreiung Foto: Uwe Meier

Als Rednerin eingeladen war Laura Poth, die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Niedersachsen. Lesen Sie hier ihre Rede, die sie an der Schillstraße hielt.

Die Sängerin und Musikerin Isabel Neuenfeldt aus Berlin sorgte mit ihren Liedern zu ihrem Akkordeon für einen passenden musikalischen Rahmen. Sie freute sich wieder mal vor zahlreichen Gästen auftreten zu dürfen und kostete ihren Auftritt aus. Ihr klarer Sopran und ihr altes Akkordeon verbanden sich zu einem Klangteppich mit politischen Texten. Zum Abschluss sang Frau Neuenfeldt das berühmte italienische Partisanenlied „Bella ciao“ in der Hannes Wader-Version, das die meisten Teilnehmer natürlich kannten und unter ihren Schutzmasken mitsummten.

Isabel Neuenfeldt mit ihrem Akkordeon auf der Gedenkfeier am 8. Mai an der Schillstraße Foto: Uwe Meier

Dieses Jahr erinnert das „Bündnis gegen Rechts“ an den Tag der Befreiung vor 75 Jahren. Es sei dankbar dafür und freue sich, dass es damals den Alliierten gelungen ist, die Wehrmacht zu besiegen und Europa und Deutschland vom Nationalsozialismus zu befreien.

Udo Sommerfald (Die Linke im Rat der Stadt) fand passende abschließende Worte, indem er an die Entstehung dieses Gedenkortes Schillstraße erinnerte. Er erinnerte, dass die Antifa einen erheblichen Anteil daran gehabt hat und um diesen Platz kämpfen musste.

1 KOMMENTAR

  1. Wichtig wäre es bereits seit 75 Jahren gewesen, wenn die besondere gemeinsame Geschichte der letzten Kriegstage für Braunschweig und Gusen/St. Georgen, dem Außenlager des KZ Mauthausen in Oberösterreich, thematisiert worden wäre.

    Denn es war das letzte Braunschweigische Herzogpaar, das im zu allerletzt befreiten KZ Gusen unzählige Zwangsarbeiter in zuvor arisierten Betrieben ausgebeutet und zu Tode geschuftet hat.

    In Österreich ist man zunehmend fassungslos, dass der KZ- Komplex Gusen/Stl.Georgen, der am 5. Mai 1945 von den Amerikanern entdeckt und befreit werden konnte, so lange mit dem Mantel des Schweigens verborgen werden konnte.

    Viele KZ-Insassen waren – neben den üblichen Verfolgten – auch Franco-Gegner aus dem spanischen Bürgerkrieg, Angehörige der französischen Resistance sowie polnische und russische Verschleppte, die in unterirdischen Produktionsanlagen des Braunschweigischen Fürstenpaares Ernst August und Viktoria Luise zu Tode geschuftet worden sind.

    Schluss mit dem Verschweigen dieses bislang penibel verborgenen Kriegsverbrechens in Braunschweigischer Zuständigkeit!

    Ab dem 15. Mai gibt es dazu eine Dokumentation „Die NS-Geschäfte der Welfen“ in der neuen BIBS-Zeitung „Unser-Braunschweig“ – z.B. Samstag auf dem Kohlmarkt.
    Aktuelle Erkenntnisse zur „vergessenen Hölle“ in Österreich https://www.addendum.org/gusen/die-vergessene-hoelle-folge1/

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