Startbahnverlängerung: Von Chinesen und Kaffeekränzchen

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Mitglieder des Rats der Stadt Braunschweig forderten 2002 eine Verlängerung der Startbahn des Braunschweiger Flughafens auf 4.000 m Länge auf Kosten eines der letzten im Umkreis der Stadt Braunschweig noch verbliebenen Landschaftsschutzgebiete. Das von Steuermitteln abhängige DLR lieferte dazu im gleichen Jahre in einer Bürgerversammlung in Wenden auch devot die notwendige Begründung: Chinesen müssten aufgrund einer geplanten Kooperation des DLR mit China von dort kommend auf dem Braunschweiger Flughafen landen. Nach anhaltendem Gelächter über eine derartige Begründung brach der Vertreter des DLR Braunschweig seinen Vortrag ab.

Eine ähnliche Qualität hatte dann 2003 die Begründung der Stadt Braunschweig, die Firma Ingenieurgesellschaft Auto und Verkehr (IAV) wolle sich nur bei einer Startbahnverlängerung am Flughafen ansiedeln. Die Firma IAV hatte sich jedoch bereits 2002 von einem derartigen Plan verabschiedet und sich statt dessen für einen Ausbau ihres Standorts in Gifhorn – ohne Flugplatz und Autobahnanschluss – entschieden. Auch alle späteren Argumente für eine Verlängerung der Startbahn wurden von den Bürgerinitiativen widerlegt. Bis auf eins: gelegentliche Ultra-Langstreckenflüge des VW-Managements können beim gegenwärtigen Stand nicht wie beabsichtigt von Braunschweig aus durchgeführt werden.

Angesichts der Nähe des Flughafens Hannover ist allerdings nicht nachvollziehbar, dass für einen derartigen Zweck ca. 60.000 Bäume und ein unter besonderem Schutz stehendes Vogelschutzgebiet zur Verlängerung der hiesigen Startbahn vernichtet werden sollen. Dazu die bigott erscheinende Erklärung der CDU im Rat der Stadt Braunschweig zur neuen Verordnung für das betroffene Landschaftsschutzgebiet: „Durch die Unterschutzstellung erreichen Sie eine wesentliche Verbesserung des Status“, um anschließend zu erklären „Es ist erforderlich, die Schutzverordnung zu erlassen, damit ein Befreiungstatbestand (also die Notwendigkeit eines Eingriffs aufgrund der Startbahnverlängerung) ausgewiesen werden kann.“

Mittlerweile hat die Einschüchterung der Bevölkerung durch die Ausbaubefürworter selbst die Ebene von gleichgeschalteten Kaffeekränzchen erreicht. Die seit zwei Jahren geduldete Aufstellung der weithin sichtbaren Warnung „Dieser Wald wird abgeholzt – Hier entsteht die neue Startbahn für den Flughafen“ wurde hier heftig kritisiert und anschließend widerrufen. Derartig erfolgreiches Engagement wird dann gern mit einer Einladung zu ähnlich umstrittenen Projekten wie der Besichtigung der Attrappe des ehemaligen Schlosses belohnt. Dort durften die Eingeladenen Teile eines Betonklotzes im nackten Rohbau ohne schlosshistorische Maße bestaunen, für die die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt nach dem Willen der Mehrheit im Rat 30 Jahre lang Miete von 1,2 Mio. Euro pro Jahr zahlen dürfen – und das ohne Strom, Wasser und sonstige Einrichtung. Vor der Kommunalwahl 2006 wurde den Bürgerinnen und Bürgern dazu noch versichert, für den Innenausbau des gemieteten Rohbaus stände „kein Cent“ aus öffentlichen Mitteln zur Verfügung. Dies würde von Stiftungen finanziert. Nach der Wahl sucht der Oberbürgermeister nun nach einer Mehrheit, um auch den Innenausbau aus Steuermitteln fördern zu können. Und besagte Kaffeekränzchen helfen natürlich wieder bei der Stimmungsmache.

Aber zurück zum Anfang: was verbindet also Chinesen im allgemeinen und Kaffeekränzchen im besonderen? Beide sind zwar in jedermanns Munde, für eine Konfrontation erscheinen sie aber unerreichbar und werden daher – wie gezeigt – von den Oberen gern als unterschwellige Meinungsverstärker selbst für Unsinniges in Anspruch genommen.

Ralf Beyer

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