Ein ernsthaftes Angebot

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Das Kommunistische Manifest, gelesen von Rolf Becker am 27.09.2006 im Landesmuseum

„Da muss man wohl früh kommen, um noch einen Platz zu finden“, vermutete ein Bekannter, und er sollte Recht behalten. Biegel und Algermissen, die Repräsentanten von Landesmuseum und DGB, die mit dieser Veranstaltungsreihe für einen Fond werben wollen, der für die Arbeit gegen den Rechtsradikalismus bestimmt ist, waren über den Zustrom an Gästen überrascht. Doch die Wahl des Texts (den Rolf Becker unentgeltlich las) zeigte ihr Gespür für das, was in der Luft liegt. Der Glaube an den scheinbar alternativlosen Neoliberalismus bröckelt, er verliert seine Legitimation nicht nur in der Bevölkerung, sondern peu à peu auch bei den Politikern. Was kommt danach? „Werte“ sind wieder gefragt, betonte Becker. Doch während Frau von der Leyen bei ihrer Suche nach altneuen „Werten“ sich auf die Kirchen besinnt, greift Becker in den Bücherschrank, dorthin, wo die Texte einer erweiterten Aufklärung stehen. Dass er ins Schwarze (bzw. Rote) gegriffen hat, zeigte sich daran, dass die Stühle im Forum bald nicht mehr ausreichten.

Nicht nur die „üblichen Verdächtigen“ waren erschienen, sondern gediegenes Bildungsbürgertum, das den Urheber des Manifests trotz aller Diffamierung der vergangenen Jahrzehnte (wieder) als unentbehrlichen kritischen Geist erkannte.
Bei manchen mag es Nostalgie gewesen sein; bei der Mehrzahl wohl eher das Bedürfnis, zu prüfen, ob der Text noch brauchbar ist für unsere Zeit. Biegel und Algermissen sahen es ähnlich und sprachen von verstärkter Aktualität im Zeitalter der Globalisierung. Also kein historischer Text, sondern einer, aus dem sich vielleicht noch Funken schlagen lassen.
Rolf Becker las den Text ungekürzt als ein Angebot an die Leser. Er las einen inspirierten und inspirierenden Text auf eine Weise, die bei Hölderlin „heilige Nüchternheit“ heißt: eindringlich, nachdrücklich und mit großem Ernst, aber ohne das rollende Pathos des Propheten. Der Zuhörer sollte das Angebot prüfen, das ihm hier gemacht wurde: die Aussagen über den Siegeszug des Kapitals, die unserer neoliberalen Zeit wie auf den Leib geschneidert waren, aber auch die siegesgewissen Erwartungen an ein klassenbewusstes Proletariat, wo wir doch längst ein „Präkariat“ besitzen, nämlich eine wachsende Schicht von Menschen in schlecht bezahlten und befristeten Teilzeitjobs, die nicht mehr fähig sind, ihre Interessen zu vertreten. Alles das sollte der Zuhörer kritisch bedenken.
Der Schauspieler Becker las nuancenreich, um die Zuhörer vor dem Ermüden zu bewahren. Manchmal wiederholte er bestimmte Passagen – das war sein didaktischer Beitrag im Rahmen dieses Angebots Einmal, am Schluss des zweiten Teils, gab er einen Kommentar ab: Er wies darauf hin, dass dieser Text, wie Stefan Hermlin bezeugt, im Ostblock jahrzehntelang ´falsch´ gelesen worden war. Statt die freie Entwicklung eines jeden zur Voraussetzung für die freie Entwicklung aller zu machen, hatte man die Entwicklung das Kollektiv vorangestellt, der das Individuum folgen müsse. Dass man diesen Fehler, an dem der Ostblock schließlich kollabiert sei, nicht wiederholen dürfe, klang in Beckers Hinweis an.
Als er nach gut zwei Stunden zu Ende gelesen hatte, trat für einige Augenblicke vollkommene Stille ein. Offensichtlich spürte das Publikum, dass das nach einem wissenschaftlichen Vortrag oder einem Kunstgenuss übliche Verhalten der Situation unangemessen war. Diese Irritation zeigte, dass die Zuhörer nicht nur als Konsumenten angesprochen worden waren, sondern als denkende Menschen. Dass schließlich dann doch emphatisch geklatscht wurde, gehörte zur Ambivalenz dieses Abends: Im bürgerlichen Ambiente konnte man sich nicht anders verhalten. Es gib (noch) keinen Verhaltenscodex für Veranstaltungen, denen mehr attestiert werden kann als die von Max Frisch ironisch beschworene „vollkommene Wirkungslosigkeit des Klassikers“.

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