Von Edgar Vögel
Am 12.05.26 verabschiedete der Rat der Stadt BS die Pläne zum völligen Umbau des Bahnhofsbereichs gegen die Stimmen der BIBS. Was 2019 mit einem Wettbewerb für Architekturbüros begann, wurde jetzt planerisch verabschiedet: Unter gegenseitigem Schulterklopfen einer größten Koalition aus Verwaltung, SPD/CDU/Grünen. Jetzt baut Braunschweig, so ein SPD-Ratsvertreter. Die Stadt spricht in einer Presseerklärung von „in vier Jahren“ – also 2030. Jetzt baut Braunschweig. In echt jetzt? Wer ist das? Der OB als erster Spatenstecher?
Die Ratszustimmung: Menetekel für Bürgerbeteiligung
Die Ratszustimmung für das Bahnhofsquartier ist ein Menetekel für eine sog. „Bürgerbeteiligung“ in der Stadt BS. Über Jahre hinweg, in mehreren Foren, von Stadthalle bis Lokpark, mit und ohne Maske, mal drinnen, dann wieder draußen vor Ort, durften die Bürger sich beteiligen. Das taten sehr viele und was sie wünschten und forderten wurde aufgeschrieben und führte zu bestenfalls geringfügigen Modifikationen. Mal wurde ein Grundriss verändert, mal ein geschlossener Gebäudekomplex geöffnet, der eine oder andere Baum soll erhalten und einige zusätzlich gepflanzt werden – am grundsätzlichen Ansatz des Siegerentwurfs wurde nicht gerüttelt. Was als überdimensionierte Straßenfläche entsiegelt wird, wird anschließend als vielstöckiges Betongebäude oder wieder Straße erneut versiegelt – 14,4 von insgesamt 17,3 Hektar – als Denkmal für die nächsten hundert Jahre. Die einmütige Forderung nahezu aller Bürger über all die Jahre und Formate, die Ecken von Viewegs Garten nicht anzutasten – die Verwaltung ließ sie einfach abprallen. Brauchen wir als Portalfunktion und für die großstädtische Anmutung, hieß es, unverzichtbar, versteht Ihr wohl nicht. Ist auch nicht für Euch, sondern für die, die nach Verlassen des Bahnhofs die Großstadt sehen wollen und damit sie ihre betonäre Urbanität spüren können! Wie im Mittelalter: Wer vom Umland kommend die Stadt betreten möchte, muss ein Portal passieren, dann weiß jede*r, hier ist jetzt richtig Stadt und nicht nur irgendwas im Grünen.
Nicht besser erging es Menschen, die im Oktober schriftliche Einwendungen gegen die Entwürfe zum Flächennutzungs- und Bebauungsplan frist- und formgerecht eingereicht hatten. Sie wurden dieser Tage nach Ratsbeschluss informiert: Zur Kenntnis genommen, aber alles abgelehnt. City of Lions – die Löwen der Bauverwaltung haben zugeschnappt. Dann, zum guten Schluss, im Stadtrat ist kein Argument zu miefig (der Grünen Fraktionsvorsitzenden etwa): Ein ehemaliger, noch junger Ex-Generalsekretär der SPD habe den hiesigen Hauptbahnhof zu einem der TOP 5 hässlichsten Hauptbahnhöfe Deutschland gekürt. „Aber jetzt freuen wir uns darauf, dass das (triumphierende Stimmlage) ein großartiger Ort werden wird“. Oder das eines etwas überheblichen CDU-Chefs, es wäre allmählich schon ein Running-Gag, immer wieder nach vorn gehen zu müssen um Kritikern zu erklären, dass der Park tatsächlich vergrößert werde. Ja, das ist wirklich ein „Gag“. Ca. 255 Bäume mittleren Alters sollen gefällt und dafür ca. 335 junge Bäume neu gepflanzt werden, so die Stadt. Sollte die Biomasse erhalten bleiben (war eine Bedingung im Architektenwettbewerb!), müssten für jeden gefällten Baum drei neue gepflanzt werden. Da wird noch oft jemand nach vorne gehen müssen, bis auch Herr K. den Zusammenhang verstanden hat (peinlich: dieselbe Milchmädchen-rechnung der Baumvermehrung hat auch die Grüne Ratsfrau bedient – was für ein Abstieg von Kompetenz zu Haltung). Für diese vielen zusätzlich notwendigen Bäume wäre aber an Viewegs Garten sowieso gar kein Platz, vor lauter in Beton gegossener Urbanität.

Es grünt so grün: Das neue Betonquartier
Woraus besteht der größte Teil des neuen Bahnhof-Quartiers? Aus zehntausenden, vielleicht sogar hunderttausend Tonnen Stahlbeton! Man wisse gar nicht wieviel, behauptet die Bauverwaltung auf kritische Nachfragen. Die Herstellung von Beton gehört (wegen der Chemie dahinter) zu den energieintensivsten und CO2 -freisetzenden technischen Prozessen überhaupt. Davon ist beim Projekt Bahnhofsquartier nicht mit einer Silbe der Rede. Beton gibt es eben zu kaufen, so ist das, der muss nicht auch noch auf die Klimarechnung. Dann wäre nämlich sofort Schluss mit der wortreich beschworenen Nachhaltigkeit. Da ist der Elefant im Raum – der wird grün bekleidet und versickert und – weg ist er!
Bei einer bislang prognostizierten Bauzeit von 10 – 15 Jahren sind die damit verbundenen immensen Bauverkehre und Transporte ökologisch nirgends eingepreist und an keiner Stelle erwähnt – Klimaneutralität bis 2030 und erst recht darüber hinaus – ade. Aber dafür haben wir doch von einem privaten Zertifizierungsunternehmen den „Goldstandard“ für unsere Bemühungen um Nachhaltigkeit und um ein Maximum an Betongold verliehen bekommen – mehr geht doch gar nicht. Die hohen Betongebäude bekommen grüne Fassaden und grüne Dächer – das ist jetzt die neue Nachhaltigkeit. Schwammstadtanteile, moderne Heizungen, weniger Straßen und kurze Wege gibt es obendrein.
Zwölf beauftragte Gutachten zu diversen Themenbereichen belegen hohe und z.T. erhöhte Belastungen durch Starkregen und Lärm (v.a. durch eine neue Verkehrsführung). Das ist angeblich alles mit technischen Maßregeln zu bewältigen, wie: Keine tiefliegenden Eingänge, Schallschutzfenster, Dämmfassaden. Läuft doch, so lautet die Botschaft der Planenden. Ist das nicht doch alles irgendwie lebenswert, nachhaltig, urban, ihr bornierten Kritikaster!
Kriegstüchtigkeit ohne Braunschweig?
Verteidigungsminister Pistorius forderte am 05.06.24 im Bundestag: „Wir müssen bis 2029 kriegstüchtig sein.“ Während bereits ein Startup am „Forschungsflughafen“ mit Drohnen vom Rüstungskonzern Rheinmetall übernommen wurde, feiern sich SPD/CDU für die geplante Eröffnung eines Musterungszentrums der Bundeswehr in Braunschweig mit geplanten 50 (zivi len) Angestellten. Dem CDU-Landesverband Braunschweig ist das noch viel zu wenig. Er „fordert Politik und Verwaltung dazu auf, Standorte zu finden, die sich für Kasernen, Truppenübungsplätze oder ein Bundeswehrkrankenhaus (!) eignen“. Auch der Flughafen Braunschweig-Wolfsburg soll auf die „Wehrtüchtigkeit“ geprüft werden. „Von Braunschweig aus können wir schneller in Berlin sein als die Angreifer aus dem Osten“, heißt es aus CDU-Kreisen. VW und Salzgitter AG sollen künftig auch für die Aufrüstung produzieren: Paradigmenwechsel zur Kriegstüchtigkeit auf allen Ebenen.

Symbolfoto: pixabay
Baukapazitäten für zivile Projekte? Die Musterung kann in angemieteten Räumen mit 50 Zivis passieren – die 200.000 Soldaten 2030, die dann anteilig auch in unsere Region kommen dürfen, werden wohl kaum in Zelten oder leerstehenden Büros übernachten, auf Feldern üben oder den Panzer aus der Garage holen. Wer wird bei der Konkurrenz um Baukapazitäten und -materialien da wohl die Oberhand behalten, was wird Priorität haben? Der Traum von einem vermeintlich urbanen, lebenswerten und nachhaltigen Stadtquartier in einer Vorkriegszeit? Es ist schon sehr naiv zu meinen, die immensen finanziellen Kosten als Konsequenzen aus dem Bestreben nach Kriegstüchtigkeit würden um BS einen Bogen machen. Um wieviel naiver ist es zu fordern, wie SPD/CDU, das möglichst noch vor Ort zu forcieren? Und dann noch zu glauben, die Stadt innenraumverdichtet weiter zu bauen, wäre weiter wie bisher möglich? Neue Kasernen und neue Stadtviertel?? Die drohend heraufziehende Kriegstüchtigkeit kreist wie Drohnenschwärme über der Stadt – begleitet von Willkommensrufen. Braunschweig baut (auf euch).
Die Klimakrise spitzt sich zu, aber sie verhandelt nicht
Unter den 12 Gutachten (ca. 1.200 S.) zur Umgestaltung des Bahnhofsbereichs befindet sich auch ein „Klimaökologisches Gutachten Planentwurf Bahnhofsquartier Braunschweig“ der Firma GEONET. Es datiert vom 12.09.2024 und umfasst 42 Seiten (dieselbe Firma hatte schon das aktuelle Stadtklimagutachten von 2018 erstellt). Hier wird der Ist-Zustand bilanziert und die erwartbare Klimaentwicklung bis 2050 dargestellt. Wenigstens diese eine Expertise hätten die Protagonisten lesen können – haben sie offenkundig nicht. Wer im Netz oder der Homepage der Stadt jetzt nach dem Bahnhofsgutachten sucht, hat Pech. Es ist sicher in den Schubladen der Verwaltung verwahrt.
Sehr merkwürdig – war da überhaupt was? Eine nähere Betrachtung liefert schnell Anhaltspunkte. Es wird im Verlauf der nächsten beiden Jahrzehnte im Sommer im Umfeld des Bahnhofs zunehmend heiß hergehen – das verursacht wesentlich die menschengemachte Klimakrise. Der im Gutachten nachlesbare Ver-gleich mit und ohne Baumaßnahme zeigt aber deutlich eine Zuspitzung: Vor dem Bahnhof wird sich an einem heißen Sommertag bei Temperaturen von 50° im Schatten nach Umbau niemand mehr freiwillig aufhalten – arme Pendler, arme Anwohner in 30% Sozialwohnungen, arme Arbeitende in den 600 Büros. Hitzestau durch hohe Häuserfluchten und mangelnden Luftaustausch machen den Bereich zum absoluten Hotspot am Tag und schlaflos ohne notwendige Abkühlung in der Nacht. Von „lebenswert“ oder gar „nachhaltig“ ist spätestens dann nicht mehr die Rede und natürlich ist es dann zwei Jahrzehnte später auch keine*r gewesen.
„Wer von der Schwammstadt redet, aber dann die grüne Oase am Bahnhofsvorplatz bronxähnlich verbaut, wissend, dass dort im Sommer eine Kochplatte glüht und bei Starkregen ein See entsteht, der kann sich mit ein paar Pocketparks in der Innenstadt nicht rehabilitieren.“ (Andreas Berger, BZ, 11.05.24)
Wir wollen doch nur die Stadt kompakt weiterbauen ….
… wobei wir nicht kleckern, sondern klotzen (unvollständige, alphabetische Reihenfolge): Bahnstadt, Baugebiet Rautheim-Möncheberg 800 Wohneinheiten einschl. Stadtbahnanschluss, Burgpassage/“Stiftshöfe“, ex-Pressegelände-Mittelweg 300 Wohneinheiten, Holzmoor Nord 650 Wohneinheiten, Kälberwiese/Feldstr. 550 Wohneinheiten, Neugestaltung Großer Hof, Rathausumbau, Schwimmbad Gliesmarode Renovierung, Umbau Galeria (ex Horten), Umbau Gewandhaus in Haus der Musik, Umbau Stadthalle, Umbau Welfenhofpassage, Umgestaltung Bereich ehemaliges Klinikum Holwedestr., Weiterbau Städtisches Klinikum Salzdahlumer Str., Wenden-West mit geplanten 1.200 Wohneinheiten, …
Ja, und jetzt 17,3 Hektar Bahnhofsquartier als I-Tüpfelchen, pardon, „Urbanes Entreé“´. Von dieser Fläche sollen laut offizieller Planung künftig 14,4 ha versiegelt werden. Die Stadt ist schon mit den Baumaßnahmen des Klinikums finanziell überfordert. Diese sind ohne Aufstockung der Landeshilfe nicht leistbar. Hier und im Haushalt der Stadt klafft eine Milliardenlücke, aber ein neues Stadtviertel mit einem Vielfachen an Bausubstanz wird schon irgendwer bezahlen? Wer? Der freundliche Nachbar, der Großinvestor? Der macht wohl notgedrungen kurz vor der Bruchlandung gerade die Biege.
Der lange Schatten der BraWo-Türme – wie viele Abwege kann eine Volksbank?
Nach allem, was bisher gesagt werden kann, ist es wohl so, dass sich BraWo wieder mehr auf sein Kerngeschäft wird konzentrieren müssen und groß dimensionierte Immobilieninvestitionen zurückgefahren bis aufgegeben werden. Dazu wird nicht nur Galeria, sondern auch das Bahnhofsquartier (und perspektivisch die „Bahnstadt“) gehören. Wer soll 600 neue Büros finanzieren, wenn es vor Ort nennenswerte Leerstände gibt? Wer soll dann hochpreisige ETWs finanzieren, die es in naher Zukunft bereits an anderen Stellen neu geben soll, z.B. in der Wilhelmstr. und in den sog. Stiftshöfen? Woher sollen die (mindestens) Hunderte Millionen Euro an Investitionen für einen neuen Stadtteil kommen? Die Antwort auf diese Frage istjetzt also wieder offen. Wer wird nun den Brief an Herrn Pistorius schreiben? Wie, falsche Adresse?!
Braunschweig will bauen – mit welchem Geld eigentlich? Ohne geht es leider nicht. Diese Einsicht kann noch etwas dauern – auf der Höhe der Zeit zu sein, ist nicht gerade die Stärke der hiesigen Bau- und Politik-Löwen.























