Start Kultur Betreten erlaubt! Zur Neugestaltung des Braunschweiger Kolonialdenkmals

Betreten erlaubt! Zur Neugestaltung des Braunschweiger Kolonialdenkmals

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Fotos: Achim Spethmann

Von Achim Spethmann

Am 26. Februar 1885 endete in Berlin die sogenannte „Kongokonferenz“, auf der 14 europäische Staaten den Grundstein für die Aufteilung des afrikanischen Kontinents in Kolonialgebiete legten. Ihre Kolonien musste Deutschland nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg wieder abgeben, aber ein Kolonialdenkmal, das 1925 an der Jasperallee errichtet wurde, ist uns bis heute erhalten geblieben.  Es sollte ursprünglich dem Gedenken an die in den Kolonien gefallenen deutschen Soldaten dienen und die Erinnerung an die im Vertrag von Versailles verlorenen Kolonien wach halten. Es durchlebte danach eine wechselvolle Geschichte, geriet sogar fast in Vergessenheit, bevor es seit den 2000er Jahren durch schulische Aktivitäten und Förderung wissenschaftlicher und kultureller Projekte  wieder in den Vordergrund der kolonialen Diskussion geriet. Diese Diskussion führte schließlich zu einem internationalen künstlerischen Wettbewerb, den die Künstlerin Patricia Kaersenhout mit einer hervorragenden Arbeit über die „Befreiung des Objektes“ gewann. 


Ihre Installation erweitert die einseitige Botschaft zum Gedenken an die gefallenen Soldaten in eine breite öffentliche Debatte über Dekolonisierung, Rassismus und Erinnerungskultur, indem sie die Namen von 17 Indigenen, die durch gewaltsame Aktionen der deutschen Besatzer zu Tode kamen, in die neue Umrandung aus schwarzem Obsidian eingravieren ließ. Sie versetzt sich und uns in die Perspektive der kolonisierten Menschen und weg von kolonialen Soldatenerzählungen, indem sie den weiblichen Ahnen – Frauen oder Angehörigen –  die  bewegende Schilderung ihres Schicksals und ihrer Gedanken überlässt und  uns damit einen Einblick in den dekolonialen Widerstand ermöglicht und damit einen Ausgangspunkt für entsprechende Debatten bietet. 

Diese Anregung können alle nutzen, die den steinernen QR-Code auf einer speziell dafür errichteten kleinen Säule  mit einem Smartphone abrufen und sich damit ausführlich über die einzelnen Schicksale informieren. 
Man kann diese Informationen auch über einen  Link auf der Internetseite der Stadt Braunschweig am PC oder Laptop nachlesen.

https://www.braunschweig.de/kultur/erinnerungskultur/orte-der-erinnerung/kolonialdenkmal-jasperallee/Liberating-the-Monument-DE.php

Ich halte die Neugestaltung von Patricia Kaersenhout  für einen wichtigen Anstoß, um weitere Erinnerungsorte in Braunschweig sowie Straßen- und Platzbenennungen zu überarbeiten, sowie die Rückgabe von Kolonialobjekten im Sinne der Ursprungsländer zu beschleunigen.

Zwei Beispiele in Ausschnitten zur Auswahl:

Da ist unter (01) das Schicksal von Mangi Meli von Moshi (Chagga), seine Geschichte erzählt Sesembu, seine Mutter:

Ich bin Sesembu, einst eine Mutter unter den Lebenden, und nun ein ruheloser Geist, für immer durch Kummer und Ungerechtigkeit gebunden. Mein Herz weint über die Jahrhunderte hinweg um meinen geliebten Sohn, Mangi Meli—einen furchtlosen Chagga-Häuptling—dem die Würde einer ordnungsgemäßen Bestattung verweigert wurde. Nun bleibt seine Seele ungebunden, und unser Volk trägt die Last eines alten Fluchs.  
Mangi Meli wurde beschuldigt, eine Rebellion angestiftet und mit anderen noblen Führern der Chagga, Arusha und Meru konspiriert zu haben, woraufhin er gefangen genommen und verurteilt wurde. In einem öffentlichen Schauspiel, das den Widerstandsgeist unseres Volkes brechen sollte, wurde er ins Dorf Tsudunyi in Alt-Moshi geführt, hoch über dem tosenden Fluss Msangachi. Dort, vor seinem Volk und unter den kalten Blicken unserer Unterdrücker, wurde er gemeinsam mit 18 anderen Adligen gehängt—Krieger und Könige, deren Namen wir niemals vergessen dürfen: Thomas Kitimbo Kirenga, Sindato Kiutesha Kiwelu, König Lolbulu von Meru, König Rawaito von Arusha, König Marai von Arusha, König Molelia von Kibosho und König Ngalami Mmari. Acht Namen sind der Geschichte verloren gegangen, ihre Identitäten sind von der grausamen Stille der Vergangenheit verschluckt worden.  

Und hier ist unter (04) das Schicksal des Kameruner Volkshelden Rudolf Douala Manga Bell; seine Geschichte erzählt seine Ehefrau Engomè (Dayas) Bell

Mein Ehemann, Manga Bell, war kein Mann, der tatenlos zusah, wie sein Volk zerstört wurde. In Deutschland ausgebildet, fließend in ihrer Sprache, kannte er ihre Denkweise, doch er vergaß nie seine Wurzeln. Er kämpfte mit Worten, sandte Briefe nach Berlin, forderte Gerechtigkeit, erinnerte sie an die Versprechen des von ihnen aufgesetzten Vertrags. Als sie ihn ignorierten, schrieb er erneut. Als sie ihn zurückwiesen, stand er umso fester.
Sie nannten ihn einen Verräter. Sie nannten ihn einen Rebellen. Doch was ist Verrat angesichts von Ungerechtigkeit? Was ist Rebellion, wenn man um sein Zuhause kämpft? Die Deutschen führten ihre Pläne zur Enteignung fort, und 1913, als mein Ehemann sie warnte, dass ihr Verrat unser Volk dazu bringen könnte, sich nach anderen Bündnissen umzusehen, verurteilten sie ihn zum Tod.
Sie fesselten ihn mit Ketten, stellten ihn ohne Gerichtsverfahren vor Gericht und verurteilten ihn zum Tode. Ich stand hilflos da, als sie ihn zum Galgen führten. Sie erhängten ihn am 8. August 1914 und ließen seinen Körper als Warnung für alle, die es wagten, Widerstand zu leisten, baumeln.

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