Start Lokales Neue Strategie bei Volkswagen? Schritt für Schritt in den Rüstungssektor?

Neue Strategie bei Volkswagen? Schritt für Schritt in den Rüstungssektor?

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Symbolfotos: pixabay

Vor einigen Tagen hat das „Industriemagazin“ einen interessanten Bericht über die Rüstungsmesse „Enforce Tac“ in Nürnberg veröffentlicht. Ein geheimer Militär-Prototyp habe für Überraschung auf der Messe gesorgt; genau genommen handele es sich um zwei Typen, MV.1 und Mv.2 genannt. Sie wurden unter der Marke „D.E.S. Defence“ vorgestellt. Seltsamerweise erinnern sie an zwei bekannte Modelle, den Pickup VW-Amarok und den Transporter VW-Crafter. Der Name VW sei auf der Messe allerdings kaum sichtbar aufgetreten. 

Die Fahrzeuge sind tatsächlich im VW-Werk Osnabrück entwickelt worden. Sie wurden aber nicht einfach grün-oliv angemalt, sondern an vielen Stellen „deutlich tiefer an militärische Anforderungen angepasst“. Das Industriemagazin schreibt, VW teste hier nicht nur zwei Einzelstücke, vielmehr teste es ein „Baukastensystem für militärische Anwendungen“. 

Der Konzern möchte nach eigener Aussage „mögliche Marktchancen ausloten“.  Schon Ende 2025 zeigte sich Konzernchef Oliver Blume offen für Kooperationen mit der Rüstungsindustrie.  

Industriemagazin: „Warum Volkswagen Schritt für Schritt in den Defence-Sektor gehen könnte“

Ohne Zweifel befindet sich VW inzwischen in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage. Die Krise wird teils von externen Kräften verursacht, allein die Trump´sche Zollpolitik kann mit 5 Milliarden Kosten für VW veranschlagt werden, teils liegen aber auch langfristige, selbst verursachte Fehlentwicklungen zugrunde. In dieser Situation liegt es nahe, alles im Konzern auf den Prüfstand zu stellen, um das Ruder herumzureißen und wieder eine tragfähige Zukunft vorzubereiten. VW hat zu diesem Zweck die Beratungsunternehmen McKinsey und Boston Consulting Group beauftragt, alle möglichen Zusammenhänge zu untersuchen: die Modellpalette, die Entwicklungskosten, die Produktionsstrukturen usw. Die Ergebnisse liegen noch nicht vor, allerdings ist vor Kurzem ist ein sogenanntes Radikalszenario von McKinsey bekannt geworden, das vorsehen soll, die gesamte Automobilproduktion an zwei Standorten zu konzentrieren, in Wolfsburg und in Ingolstadt. Allerdings spricht viel dafür, dass das als Schockszenario für Beschäftigte und Betriebsrat gedacht ist, dass diese „kompromissfähiger“ machen soll. Dessen ungeachtet ist es sicher richtig, konsequent alle Strukturen zu überprüfen, um neue Wege zu finden, auf denen der Konzern wettbewerbsfähige Produkte entwickeln und erfolgreich auf den Märkten anbieten kann. Also genau das zu tun, womit der Konzern so viele Jahrzehnte äußerst erfolgreich war, trotz großer Krisen und Herausforderungen, die zu bewältigen waren (erinnert sei nur an die Krise Anfang der 90er Jahre). 

Rüstung als Lösung der Probleme?

Ist es angesichts der schwierigen Lage nicht eine gute Idee, die Lösung in einem wachsenden Teil an Rüstungsproduktion zu suchen? Schließlich sprudelt das Staatsgeld für Aufrüstung ja nur so, die Konkurrenz ist überschaubar, zumal ein wachsender Teil der Rüstungsaufträge in Europa vergeben werden soll. 

Nur: so werden keine Werte geschaffen, die getauscht werden können; es wird sozusagen für den Hangar und das Manöverfeld produziert. Sollte es eine Entwicklung zu friedlicheren Verhältnissen geben, wäre der Absatz geradezu bedroht. Im Grundsatz kann ein Rüstungssektor nur profitabel arbeiten, wenn immer neue Aufträge kommen. Wenn die geplante Stückzahl an Panzern erreicht ist, gibt es nur noch Ersatzproduktion. Es sei denn, jemand kommt auf die Idee, die ins Auge gefasste größte Armee Europas auch einmal einzusetzen; dann gäbe es wieder viele neue Aufträge. Aber wollen wir das? Außerdem: wenn der Staat sich dermaßen rapide verschuldet, wird es irgendwann zu der Situation kommen, dass auch die Kürzungen beim Sozialstaat nicht mehr ausreichen, um die ständig wachsende Rüstung zu bezahlen. Schon jetzt wächst die Last der Zinsen, die für die Maximalverschuldung Jahr für Jahr aufgebracht werden müssen.

Vor allem aber: würde VW tiefer in das Rüstungsgeschäft einsteigen, wären dafür erhebliche Investitionsmittel erforderlich, die dann im Bereich der Automobilproduktion fehlen. Dann wäre das neue Geschäftsmodell auf lange Zeit festgezurrt, so dass ein Zurück nur noch unter gravierenden Einbußen möglich wäre. Auch was die Qualifikationen der Beschäftigten angeht, können diese für die Rüstungsproduktion nicht eins zu eins übernommen werden.

Ungebremste Aufrüstung gefährdet uns alle, letztlich auch die Industrie 

Schließlich: das neue Geschäftsmodell ist geradezu darauf angewiesen, dass die Welt auf Dauer voller Krisen und Konflikte bleiben wird. Eine friedlichere Entwicklung müsste aus betriebswirtschaftlicher Sicht geradezu bedrohlich wirken. Selbst wenn man akzeptiert, dass Europa sich verteidigen können muss, sprechen doch die Zahlen dafür, dass das von den eingesetzten Mitteln, den vorhandenen Waffensystemen und den Truppen her im Grundsatz gegeben ist – auch ohne die USA. Die Greenpeace-Studie hat das gut belegt. Das schließt nicht aus, dass Vieles noch verbessert werden sollte, nicht zuletzt das Zusammenwirken der militärischen Kräfte der verschiedenen europäischen Länder. Aber eine derart ungezügelte Aufrüstung, wie sie jetzt betrieben und geplant wird, ist völlig überflüssig. Wer VW trotzdem rät, sich an diesem Kamikaze-Programm zu beteiligen und davon zu profitieren, führt den Konzern auf einen Holzweg. 

Die Gefahren einer ungebremsten Aufrüstung, der ständig angeheizten Spannungen und einer nicht mehr zu kontrollierenden Eskalation sind so groß, dass alle politische Kraft in eine neue Entspannungspolitik investiert werden muss, um großes Unheil und wachsende Verarmung zu vermeiden. Erfolgreiche Diplomatie kann auch bewirken, dass die Energiekosten wieder sinken, was ein Segen für Industrie und Verbraucher wäre. Außerdem würden hohe Rüstungsausgaben vermieden, was auch wieder allen zugute käme. Wer stattdessen die Weichen stellt für eine militarisierte Wirtschaft, sorgt dafür, dass jeder politische Fortschritt von Teilen der Wirtschaft und der Beschäftigten als Bedrohung angesehen werden würde. Nicht zuletzt hat ein amerikanischer Präsident namens Eisenhower vor einem militärisch-industriellen Komplex gewarnt, der sich schon Ende der 50er Jahre in den USA breit gemacht hatte und seitdem starken Einfluss auf die Politik ausübt. Eisenhower war General im Zweiten Weltkrieg, er wusste, wovon er sprach. 

Zum Gastbeitrag zur VW-Krise im Braunschweig – Spiegel

In einem Gastbeitrag hat Thorsten Penzhorn im Braunschweig-Spiegel die Lage des VW-Konzerns und die sich eröffnenden Wege zur Sicherung analysiert. Die Analyse ist sachlich gehalten und leuchtet in vielen Teilen ein. Er hält es für denkbar, dass zusammen mit zwei klassischen Automobilstandorten ein dritter Standort „mit strategischer Sonderrolle für Spezialfahrzeuge, Dual-Use-Produktion oder andere verteidigungsnahe industrielle Perspektiven“ eine tragende Rolle bekommen wird. Er sieht folgende Alternative: „klassische Automobilproduktion allein“ oder „eine breitere industrielle Rolle in einer neuen, härteren Weltordnung“. Soweit er das wirklich nur als mögliche Entwicklung beschreibt, kann er richtig liegen. Allerdings bleibt festzuhalten, dass die negativen Folgen einer Entwicklung zum Rüstungsproduzenten nicht erwähnt werden, ja, sie werden nicht einmal angedeutet.

Sie sind aber, wie gezeigt werden sollte, gravierend. 

1 Kommentar

  1. VW hat in der E-Mobilität viel verschlafen, in China verkaufen sich die Autos deutscher Hersteller heute längst nicht mehr so gut wie früher, weil sie keinen Qualitätsvorteil mehr bieten gegenüber chinesischen Autos, deren digitale Ausstattung umfangreicher ist und besonders von der jungen Generation mehr geschätzt werden. Hier hätte VW viel nachzuholen in Softwareentwicklung, autonomen Fahren und vor allem in der Batterietechnologie und der Entwicklung wirklich erschwinglicher E-Autos für die breite Masse, „Volkswagen“ im wörtlichen Sinn. Der europäische Markt muss mehr in den Fokus genommen werden, militärische Fahrzeuge sind da eine wirklich dumme Sackgasse.

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