Man darf auf Lüders Vortrag durchaus emotional und kritisch reagieren, seine Ausführungen in Frage stellen, Gegenargumente anführen und Einseitigkeit seiner Darstellung beklagen. Was man aber gerade als Pfarrer nicht tun sollte, ist, sich auf ein Niveau zu begeben, das vielleicht an Stammtischen in Wutreden geäußert wird, wenn man mal Dampf ablassen will. Einige dieser rhetorischen „Ausrutscher“ fallen mir -als aufmerksamem Hörer des Vortags- besonders übel auf: Ein „wilder Ritt voller Behauptungen“ sei sein Vortrag gewesen und belegt dies mit der nicht ganz zutreffend zusammengefassten Behauptung von Lüders, dass alle israelischen Regierungen seit 1948 auf ihrem Staatsgebiet eine „Ethnisierung“ bzw. „Judaisierung“ betrieben hätten. Dass dies aber keineswegs eine „wilde“ Behauptung ist, lässt sich leicht zeigen, siehe weiter unten.
Lüders zeichne ein Bild vom „bösen Staat Israels“, diese etwas simpel formulierte Kritik ist nicht nachvollziehbar, da Lüders stets konkrete Kritik an politischen oder militärischen Entscheidungen der verantwortlichen Regierung formuliert hat, nirgends erinnere ich eine Schmähung des Staates Israel, wovon die Regierung ja nur einen Teil darstellt.
Ganz üble Unterstellungen mit unterschwelligen Anklängen an rechte antisemitische Vorstellungen aber enthält jener Passus, wonach Lüders unterstellt wird, in seiner „Weltsicht“ habe die deutsche Erinnerungskultur Ähnlichkeit mit dem in rechten Kreisen diskutierten „Schuldkult“ und mit der Forderung einer „erinnerungspolitischen Wende“, wie sie in der AFD vielleicht gefordert wird – Aussagen, die Lüders in seinem Vortrag weder erwähnt noch angedeutet hat. Ferner unterstellt Busch, nach Lüders spielten Verfassungsschutz, Antisemitismus-Beauftragte, israelische Botschaft und der Zentralrat der Juden zusammen und sorgten dafür, dass „jegliche Kritik an Israel als Antisemitismus gebrandmarkt und aus der Öffentlichkeit gedrängt“ werde. Schließlich gipfelt seine Kritik in dem Vorwurf, Lüders deute eine von „mächtigem Geld“ angetriebene Weltverschwörung (!) und „eine Art global agierendes Finanzjudentum“ an. Für mich sind das unverzeihliche Verleumdungen, aber keine Auseinandersetzung mit Argumenten.
Was ist dran an Werner Buschs sachbezogener Kritik?
- Kann man Israels Regierungen eine „Judaisierung“ oder „Ethnisierung“ vorwerfen?
Tatsächlich findet sich schon in der Unabhängigkeitserklärung Israels, seinem Gründungsdokument die für ein demokratisches Staatsverständnis problematische Doppelmoral: Einerseits bekennt sich Israel darin nach der UN-Charta zur völligen Gleichheit der Rechte all seiner Bürger ohne Ansehen der Religion, Rasse oder des Geschlechts, andererseits soll der Staat zionistischen Vorstellungen vom „Anrecht des jüdischen Volkes auf eine nationale Wiedergeburt“ entsprechen, also ein „jüdischer Staat im Lande Israel“.
So wurde zwar den In Israel lebenden Palästinensern das Bürgerrecht verliehen, doch wurde ihnen nach der Staatsgründung über die Hälfte ihres Landbesitzes durch die Regierung konfisziert. Danach mussten die meisten Palästinenser bis 1966 unter Militärverwaltung leben, Staatsbürger ungleicher Rechte also. Der israelische Historiker Shlomo Sand schreibt dazu: Wie kann „eine Gruppe, die sich selbst als Volk betrachtet“(gemeint ist das jüdische Volk) „eine andere Gruppe von ihrem Land (…) vertreiben, um ihren eigenen Anspruch auf Selbstbestimmung durchzusetzen“?
Nachzulesen bei:
Shlomo Sand: Die Erfindung des jüdischen Volkes. Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand, Berlin 2011, S.408ff.
Shlomo Sand ist anerkannter israelischer Historiker, der den vom Zionismus vertretenen Alleinanspruch des Judentums auf das gelobte Land kritisiert. Nachzulesen ist die Geschichte Israels allerdings auch in: Michael Lüders: Krieg ohne Ende? München 2024
Auf diesen unumstrittenen aber nicht immer gern gehörten historischen Sachverhalt hat Lüders zu Recht hingewiesen.
2. Ist Lüders eine in ihrer Tendenz antisemitische „(Um-)Definiton von Antisemitismus“ vorzuwerfen?
„Begriff und Sache des ‚israelbezogenen Antsemitismus‘“ lehne er rundweg ab. Hier problematisiert Michael Lüders in seinem Vortrag diese Antsemitismus-Definition, weil sie in ihrer Ungenauigkeit oft dazu verwendet werde, berechtigte Kritik an Israels Vorgehensweise in Gaza oder im Westjordanland zu brandmarken und damit zu unterdrücken. Als Pfarrer sollte Werner Busch aber wissen, dass selbst viele jüdische Wissenschaftler und Theologen diese Definition als zu politisch und missbräuchlich verwendbar kritisieren, weshalb andere Definitonen vorgeschlagen wurden, z.B. die „Jerusalemer Erklärung“. Die jahrzehntelange Antisemitismus-Forschung, auf die er in seinem Text verweist, ist nämlich keineswegs so einhellig, wie suggeriert wird.
Siehe hierzu:
3. Auf die anschließende Unterstellung, Lüders erleichtere somit die Verbreitung „mächtige(r) irrationale(r) antijüdische(r) Ressentiment(s)“ und untergrabe die „Staatssouveränität Israels“ möchte ich nicht ernsthaft eingehen. Ebensowenig kann von einem „pauschal israelfeindlichen Bild mit Verzerrung historischer Fakten“ gesprochen werden, wie ich oben gezeigt habe.
In einer Sache allerdings hat Werner Busch recht:
Es braucht informierten Streit über die Sache.
Aber es wäre auch gut, wenn man sich gründlicher informieren würde und die Argumente der anderen Seite auf sachlicher Ebene ernst nähme.


























