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Die Unterschätzung der Mietnot

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Foto: pixabay

Junge Menschen in Madrid, Paris, Mailand und Berlin zahlen oft die Hälfte ihres Einkommens für die Miete. 

von Axel Fersen, Erhard – Eppler -Kreis

In Paris gibt die Hälfte der Mieter unter 30 Jahren mehr als 51 Prozent ihres Einkommens für die Miete aus. Das hat das französische Statistikamt INSEE im Mai 2026 ermittelt. Jeder zweite junge Mieter in der französischen Hauptstadt arbeitet also mehr als die Hälfte des Monats für seinen Vermieter. Vom Rest sollen Essen, Strom, Fahrkarte und alles andere bezahlt werden.

Für Mailand hat die staatliche italienische Förderbank Cassa Depositi e Prestiti berechnet, dass die Miete für eine 60-Quadratmeter-Wohnung gut drei Viertel eines durchschnittlichen Nettogehalts verschlingt. Im italienischen Mittel sind es 35 Prozent. In Madrid liegt die Durchschnittsmiete inzwischen bei mehr als 1.500 Euro im Monat. Nach Berechnungen des spanischen Jugendrats müsste ein junger Angestellter fast 99 Prozent seines Nettolohns aufwenden, um allein zu wohnen. Nur noch 14,5 Prozent der jungen Menschen in Spanien lebten 2025 nicht mehr bei den Eltern, so wenige wie nie zuvor gemessen.

Deutschland galt lange als Land der Mieter, in dem das Wohnen bezahlbar blieb. Im Bundesschnitt gaben Mieterhaushalte 2022 27,8 Prozent ihres Einkommens für die Kaltmiete aus; wer seit 2019 in einer Großstadt eingezogen ist, zahlte schon 30,8 Prozent. Rund 3,1 Millionen Haushalte lagen bei 40 Prozent und mehr. In Berlin tragen etwa 600.000 Mieterhaushalte eine Warmmietbelastung von über 30 Prozent, gut 300.000 davon liegen über 40 Prozent. Wer heute eine Wohnung sucht, zahlt dort im Mittel 15,74 Euro kalt je Quadratmeter, 12,5 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Der Durchschnitt aller Berliner Mieter lag 2022 bei acht Euro. Die Rechnung zahlen also vor allem jene, die neu in eine Wohnung ziehen, und das sind meistens die Jungen.

Was das mit Menschen macht, steht in keiner Statistik vollständig. Es heißt, mit 28 noch im Kinderzimmer zu wohnen, die Familiengründung zu verschieben, für einen Job nicht umziehen zu können. Eine Studie für die Hans-Böckler-Stiftung kam schon 2021 zu einem Befund, der sich seither kaum entschärft haben dürfte. Fast 13 Prozent der Mieterhaushalte in deutschen Großstädten blieb nach Zahlung der Miete weniger als das sozialrechtliche Existenzminimum.

Ähnliche Erfahrungen nähren die Proteste in Südeuropa. In Madrid gingen Hunderttausende auf die Straße und forderten erneut unbefristete Mietverträge und niedrigere Preise. In Mailand marschierten Menschen, viele davon jung, unter dem Satz: „Diese Stadt ist für wenige da, immer unzugänglicher“. In Frankreich riefen für den 17. Oktober Gewerkschaften, Gelbwesten sowie Schüler- und Studentenverbände gemeinsam gegen die hohen Lebenshaltungskosten und den Sparhaushalt der Regierung auf. Die Miete steht in diesen Aufrufen nicht obenan. Für Pariser unter 30 Jahren ist sie aber der Posten, der mehr als die Hälfte des Einkommens frisst.

In Berlin entlud sich derselbe Druck an der Wahlurne. Am 20. September wurde die Linke mit 25,7 Prozent erstmals stärkste Kraft im Abgeordnetenhaus, mehr als doppelt so stark wie 2023. Für 53 Prozent der Wähler war Wohnungsmarkt und Mieten das wichtigste Problem der Stadt, und auf diesem Feld trauten sie der Linken mit Abstand am meisten zu. Fast die Hälfte der unter 30-Jährigen stimmte für sie, bei jungen Frauen 55 Prozent. Die CDU fiel auf 18,8 Prozent, die SPD auf 12,1 Prozent.

Diese Zahlen beschreiben keinen Linksruck. Sie beschreiben eine Generation, die rechnen muss. Wer mehr als die Hälfte seines Einkommens an den Vermieter überweist, glaubt nicht mehr daran, dass der Markt es schon richten wird. Umso erstaunlicher ist es, wie bürgerliche Politiker die Not junger Mitbürger und Familien ignorieren und stattdessen beim Versuch, ökonomische Gegenentwürfe zu liefern, eine Antisemitismus-Debatte anbieten.

Quellen

[1] INSEE: À Paris, la moitié des locataires du parc privé consacrent plus de 34 % de leurs revenus à leur loyer. 7. Mai 2026. https://insee.fr/fr/statistiques/fichier/8991141/if_cp_2026_ina_220.pdf

[2] Sky TG24: Affitti, in Italia si spende in media il 35% dello stipendio. A Milano si sale al 76%. 18. Dezember 2025. Bericht über eine Auswertung der Cassa Depositi e Prestiti (CDP). https://tg24.sky.it/economia/2025/12/18/affitti-stipendio-italia-media

[3] Euronews: Madrid dice „basta“: miles marchan contra el precio del alquiler y exigen acción inmediata. 24. Mai 2026. Mit Angaben des Consejo de la Juventud de España. https://es.euronews.com/my-europe/2026/05/24/madrid-miles-marchan-precio-alquiler

[4] Statistisches Bundesamt: Pressemitteilung Nr. 129 zur Mietbelastung 2022 (Mikrozensus). 31. März 2023. https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2023/03/PD23_129_12_63.html

[5] asum GmbH im Auftrag des Berliner Mietervereins: Mietbelastung in Berlin. Mai 2024. Auswertung des Mikrozensus 2022, S. 11–19. https://berliner-mieterverein.de/downloads/Mietbelastungsstudie_BMV_ASUM_2024.pdf

[6] Berliner Mieterverein: Wohnungsmarktberichte von IBB und BBU. MieterMagazin, März/April 2025. Angebotsmiete 2024 nach IBB-Wohnungsmarktbericht. https://www.berliner-mieterverein.de/magazin/online/hintergrund/wohnungsmarktberichte-von-ibb-und-bbu.htm

[7] Hans-Böckler-Stiftung: 13 Prozent der Haushalte in Städten bleibt nach der Miete weniger als das Existenzminimum. Pressemitteilung, 4. August 2021. Studie von Andrej Holm u. a. https://www.boeckler.de/de/pressemitteilungen-2675-13-prozent-haushalte-stadten-miete-existenzminimum-34612.htm

[8] Il Giorno: Corteo contro sgomberi e sfratti, 1.500 a Milano: „Questa è una città per pochi, sempre più inaccessibile“. 26. September 2026. https://www.ilgiorno.it/milano/cronaca/manifestazione-caro-casa-dl5djhka

[9] Euronews: Mobilisation du 17 octobre: qui manifestera en France et quelle ampleur attendre? 16. Oktober 2026. https://fr.euronews.com/2026/10/16/mobilisation-du-17-octobre-qui-manifestera-en-france-et-quelle-ampleur-attendre

[10] Bundeszentrale für politische Bildung: Wahl zum Abgeordnetenhaus Berlin 2026: Die Linke wird erstmals stärkste Kraft. September 2026. Vorläufiges Endergebnis. https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/581533/wahl-zum-abgeordnetenhaus-berlin-2026-die-linke-wird-erstmals-staerkste-kraft/

[11] Konrad-Adenauer-Stiftung: Wahlanalyse der Abgeordnetenhauswahl in Berlin am 20. September 2026. Mit Daten der Forschungsgruppe Wahlen. https://www.kas.de/uk/monitor-wahl-und-sozialforschung/detail/-/content/wahlanalyse-der-abgeordnetenhauswahl-in-berlin-am-20-september-2026

[12] ZDFheute: Berlin: Linke stärkste Partei bei einer Wahl ohne echten Sieger. 20. September 2026. Analyse der Forschungsgruppe Wahlen. https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/analyse-berlin-wahl-linke-cdu-eralp-evers-100.html

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