Vortrag von Werner Renz zu Fritz Bauer und Thomas Harlan
Für Fritz Bauer war Thomas Harlan ein Vorbild für die deutsche Jugend. Der 1929 geborene Sohn des Nazi-Regisseurs Veit Harlan, der den antisemitischen Hetzfilm JUD SÜSS (D 1940) gedreht hatte und ein Günstling Joseph Goebbels gewesen war, sagte sich radikal von seinem schuldigen Vater los. Harlan verließ Anfang der fünfziger Jahre das Täterland Deutschland und ging in Frankreich ins geistige Exil. Er sprach und schrieb nur noch Französisch. Ein Aufenthalt in Israel und die Begegnung mit Überlebenden des Warschauer
Ghettoaufstands führten ihn zu literarischem Schaffen. In Berlin kam sein Ghetto-Stück erfolgreich auf die Theaterbühne und Harlan nutzte den öffentlichen Auftritt, um auf NS-Verbrecher hinzuweisen, die unbehelligt und wohlsituiert in der BRD lebten.
Während eines mehrjährigen Aufenthalts in Polen forschte Harlan in Archiven und hatte die Absicht, ein Werk über NS-Täter und -Täterinnen und ihr Weiterleben im „Vierten Reich“ zu schreiben. Das „Vierte Reich“ war für ihn die postnazistische Bundesrepublik Deutschland mit ihren unzähligen personellen Kontinuitäten. Fritz Bauer erfuhr durch polnische
Gesprächspartner von Harlans Archivstudien und nahm mit ihm Kontakt auf.
Harlan seinerseits nutzte den Kontakt zu dem deutschen Juristen, Strafanzeige gegen NS-Verbrecher zu erstatten. Im Laufe der Jahre entwickelte sich zwischen dem hessischen Generalstaatsanwalt und dem ambitionierten Schriftsteller Harlan eine Freundschaft, in der es nahezu ausschließlich um Harlans literarisches Schaffen ging. Bauer förderte und
unterstützte Harlan und sah in ihm einen vielversprechenden Autor von Werken, die Bauer um der Bewältigung unserer unvergänglichen Vergangenheit willen für die demokratische Entwicklung der Bundesrepublik für unabdingbar erachtete. Bauers in Harlan gesetzte Hoffnungen erfüllten sich nicht. Der fraglos genialische Autor scheiterte. Aller Rat und alle
Förderung verliefen ins Leere. Die Freundschaft, die Bauer überaus wichtig war, führte zu schweren Zerwürfnissen und verlief letztendlich unglücklich.
Werner Renz (Hrsg.): „Von Gott und der Welt verlassen“. Fritz Bauers Briefe an Thomas
Harlan. Mit Einführungen und Anmerkungen von Werner Renz und Jean-Pierre Stephan, Frankfurt am Main/New York: Campus Verlag, 2015.






















