Im Gespräch mit Freunden erfahre ich, dass in Braunschweig während der kalten Tage Nutrias mit Erfrierungen an Schwanz und Pfoten tot aufgefunden wurden, was mich erschreckt und veranlasst hat, Näheres über Nutrias und Waschbären im Naturschutzgebiet (NSG) Riddagshausen zu erfahren. Ich habe Hennig Brandes, Vorsitzender der Jägerschaft Braunschweig und verantwortlich für die Jagd im NSG Riddagshausen gebeten, dem Braunschweig-Spiegel zu diesem Themenkomplex ein Interview zu geben, und er hat ja gesagt. Vielen Dank dafür.
Braunschweig-Spiegel
Waschbären und Nutrias sind invasive Arten. Das bedeutet, dass beide Arten nicht ursprünglich in Europa beheimatet waren.
Woher kommen sie und warum konnten sich dieser Kleinbär (Waschbär) und dieser Nager (Nutria) so stark in Deutschland ausbreiten?
Hennig Brandes
Waschbären kommen natürlich in Nord- und Nutria und Südamerika vor. Beide Arten wurden vor Jahrzehnten eingeschleppt und breiten sich nun massiv auch hier in Braunschweig aus. Waschbären sind extrem gut angepasst, sie kommen auch mit Schnee und Kälte klar und finden als „Allesfresser“ gerade in Stadtnähe im Überfluss Nahrung und Beutetiere.
Nutria stammen aus früheren Pelztierfarmen, sie leiden unter winterlichen Verhältnissen, bei großer Kälte und Schneelage können Sie verhungern und Erfrierungen erleiden. Sie vermehren sich aber trotzdem sehr stark und über das ganze Jahr und so entwickeln sie sich wie die Waschbären in den letzten 10 Jahren immer mehr zu einer regelrechten Plage auch hier in Braunschweig.…
Braunschweig-Spiegel:
In einem Artikel habe ich gelesen, dass im Jahre 1934 ein Pelztierzüchter dem Forstamt Vöhl (Hessen) zwei Waschbärpaare geschenkt hat. Es ging ihm dabei darum, die Fauna „zu bereichern“. Das Etablieren der Waschbären sowie der Nutrias in Deutschland ist umfangreich gelungen. Dies hat zu einer Verschiebung des ökologischen Gleichgewichts geführt.
Über welche Art von Schäden in den Forsten aber auch in den Gemeinden sprechen wir und wie groß sind die Schäden?
Henning Brandes:
Das stimmt, Waschbären wurden tatsächlich in Hessen in den 30er Jahren ausgesetzt; damals ein großer Fehler. Hinzu kamen später noch welche, die wie die Nutria aus Pelztierfarmen ausgebüchst sind. Mich wundert, dass die Ausbreitung in Deutschland so lange gedauert hat und Nutria und Waschbär erst vor gut 10 Jahren hier in Braunschweig angekommen sind und sich seitdem auch hier massiv vermehren. Ökologisch ist das keine Bereicherung, sondern eine Katastrophe für den Artenschutz. Waschbären haben zwar ein breites Nahrungsspektrum, aber gerade das führt zu ihrer massiven Vermehrung und extrem hohen Beständen. Die Höchststrecke (Gibt die Zahl, der im Jagdjahr erlegten oder anders zu tote gekommenen Wildtiere an.) in und rund um das NSG Riddagshausen lag bei sage und schreibe 89 Stück im Jahr 2021, seitdem liegt sie immer noch bei über 50 im Jahr. Da Waschbären fast alles fressen, was sie finden, sind natürlich auch schutzbedürftige Arten dabei wie seltene Amphibien und Vogelarten, deren Nester sie plündern und zwar nicht nur die von Bodenbrütern, sondern auch Horste in Bäumen, Baumhöhlen und Nistkästen sind nicht vor Ihnen sicher. Das sind wertbestimmende Arten im NSG Riddagshausen, die stark unter den vielen Waschbären leiden. Das ergeben übrigens auch die naturschutzfachlichen Gutachten über das NSG, besonders Bodenbrüter kommen teilweise überhaupt nicht mehr vor. Früher gab es zum Beispiel eine kleine Lachmöwenkolonie, die sehr seltene Rohrdommel kam vor. Das ist alles Geschichte, da haben die Waschbären ihren Anteil dran. Bei der Nutria kommen neben Schäden an Süßwassermuscheln und -schnecken Fraßschäden an Pflanzenbeständen und Schäden durch die Anlage von Bauen im Hinblick auf den Hochwasserschutz und die Stabilität der Gewässerufer hinzu. Ökologisch muss man das so betrachten, dass die heimische Tierwelt sich im Laufe der Evolution an die Umweltfaktoren und die Arten auch untereinander angepasst haben, nur der Waschbär und die Nutria standen eben nicht mit auf der Liste und so ist deren Einfluss als einwandernde gebietsfremde Arten äußerst negativ.
Braunschweig-Spiegel:
Welcher Weg ist der richtige im Umgang mit Waschbären und Nutrias?
Henning Brandes:
Die Rechtslage ist da eindeutig, übrigens bis hinein ins europäische Recht. Solche gebietsfremden Arten sollen eben wegen ihrer Schädlichkeit soweit wie möglich durch scharfe Bejagung zurückgedrängt werden. Genau das tun wir. Die Jagdstrecken steigen seit ersten Abschüssen und Fangerfolgen mit Fallen im Jahr 2012 stetig an. Heute kommen in Braunschweig über 300 Waschbären und etwa genauso viele Nutria zur Strecke. Während die Waschbärstrecke noch immer weiter ansteigt, ist die Nutriastrecke in den letzten 5 Jahren etwas rückläufig. Nutria sind an Gewässer gebunden und die Streckenentwicklung ist ein Hinweis auf einen trotz intensiver Bejagung hohen Bestand aber auch auf einen guten Fangerfolg. Wie erwähnt reproduzieren Nutria sehr stark und man kommt nur mit viel Aufwand gegen an. Unsäglich ist das Füttern an einigen Stellen. Leider konnten die städtischen Behörden noch nicht von einem flächendeckenden präventiven Bejagungskonzept und einem aktiven Vorgehen gegen die Fütterung der Nutria überzeugt werden. Beim Waschbären zeigt das Ansteigen der Strecke ebenfalls den hohen Bestand, sowie gute Fangerfolge aber eben auch, dass offensichtlich immer wieder Waschbären durch starke Vermehrung und ein Einwandern nachkommen. Dabei ist es so, dass Waschbären verstärkt auch in bebauten Bereichen vorkommen, die nur eingeschränkt bejagt werden dürfen und von dort aus, also praktisch aus der Stadt, wieder in die Naturräume wie das NSG Riddagshausen einwandern. Auch was den Waschbären angeht, konnten die städtischen Behörden noch nicht von einem flächendeckenden Bejagungskonzept und beispielsweise einer Fangprämie überzeugt werden. Immerhin wurde aber die Anschaffung von Lebendfangfallen mit elektronischen Fangmeldern finanziell von der Stadt unterstützt. Der Fang mit diesen Fallen funktioniert sehr gut und ist tierschutzgerecht.…
Braunschweig-Spiegel:
Im Internet bin ich auf die Tierschutzorganisation Animal Advocacy and Protection (AAP) gestoßen. AAP spricht sich dafür aus, so viele Waschbären wie möglich aufzunehmen, solange es sich um überschaubare, isolierte Populationen handelt. Die Waschbären werden sterilisiert und sozialisiert und dann Zoos übergeben, wo sie dauerhaft leben können.
Was sagen Sie zu dieser Vorgehensweise der Tierschutzorganisation AAP?
Hennin Brandes:
Solche Naivität und ökologische Unkenntnis machen mich fassungslos. Sie können ja mal im Stöckheimer Zoo nachfragen, ob und wie viele Waschbären der Betreiber haben möchte, ich bringe ihm gern welche vorbei.…
Braunschweig-Spiegel:
Abschließend noch eine Frage zu diesen Tieren, die in Fabeln und Erzählungen mit positiven menschlichen Eigenschaften wie Intelligenz, Neugier und Überlebensfähigkeit (Waschbär) assoziiert werden und die einfach niedlich und kuschelig sind.
Darf ich diese freundlichen Sympathieträger, sollten sie mir im Forst oder im häuslichen Umfeld begegnen, füttern?
Henning Brandes:
…Nein, das Füttern ist verboten. Die beschriebenen Eigenschaften sind Waschbären in der Tat zu eigen, gerade das macht sie aber für die heimische Tierwelt auch so gefährlich. Bei der Nutria sieht es etwas anders aus, dies ist auch im Hinblick auf den Tierschutz eine Tragödie, die Tiere stammen aus Südamerika und im Winter verhungern und erfrieren sie hier. Füttern ist hier falsch verstandene Tierliebe, Erfrierungen verhindert man damit nicht und dadurch, dass man die ohnehin schon starke ganzjährige Vermehrung mit Futter noch zusätzlich anheizt, vergrößert man am Ende das Tierleid. Wir haben in diesem Jahr schon einige verhungerte und erfrorene Nutria gefunden, was auch eine natürliche Auslese ist.
Braunschweig-Spiegel:
Vielen Dank für diese kompetenten Informationen. Ich würde mich freuen, wenn wir dieses Interview zu anderen spannenden Themen im NSG Riddagshausen zu gegebener Zeit fortsetzen könnten.
Herzlichen Dank.























