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„A Single Day“: Anti-Kriegsfilm über das Massaker von My Lai (Bericht)

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Foto aus dem Vietnamkrieg: pixabay

Von Wolfram Neue und Christoph Krämer

Neuer (Anti-)Kriegsfilm und Diskussion mit Regisseur, Schulstreikbündnis gegen Wehrpflicht und Publikum im „Universum“ 

Im gut besuchten großen Saal des Braunschweiger Filmtheaters wurde am 9. März „A Single Day“ gezeigt – nach Köln, Leverkusen und Berlin die vierte Aufführung des neuen Dokumentarfilms des Deutschen Christoph Felder. Universum-Mitbetreiberin Marit Vahjen ermöglichte (in Kooperation mit dem Friedensbündnis Braunschweig) ein anschließendes Filmgespräch mit dem international preisgekrönten Regisseur, der in den USA, Vietnam und Deutschland gedreht hatte – samt Diskussion mit dem „Schulstreikbündnis gegen Wehrpflicht“ und dem Publikum. 

Der Ausgangspunkt des Films, das Massaker von My Lai, Vietnam, jährt sich jetzt gerade zum 58. Mal. 

Ein Besucher der Veranstaltung schildert seine Eindrücke: 

„Zunächst erschien mir das Ganze als etwas merkwürdiges Fluidum ohne Glanz und Glamour: Man mochte sich die Augen reiben: „Was läuft denn hier für’n Film?“ 

Es ist eine Dokumentation über zwei Widerständige, zwei Anti-Helden. Ein Pilot und sein Bordschütze. Der Regisseur berichtet, wie er bei seinem ersten Film über das Massaker von My Lai Letzteren persönlich kennen lernte. Und sein Vertrauen er­warb.

Larry Colburn, ein etwa 60jähriger Mann, lächelt nachdenklich, etwas traurig, aber stets freundlich in die Kamera. Er äußert sich behutsam, vorsichtig, abgewogen. Bei der Wiederbegegnung mit seinem Kriegstrauma blickt er noch einmal in seine per­sönliche Büchse der Pandora. Stück für Stück, Schnipsel für Schnipsel entsteht vor den Zuschauer*innen ein Mosaik, eine Collage verstörender Erinnerungen, Berichte, Dokumente. Videos begleiten sie, Bilder im historischen Schwarzweiß aus dem Krieg und den 68er-Tagen der Rebellion sowie idyllische Landschaftsaufnahmen in Farbe aus dem Vietnam von heute und dem Bergischen Land. 

Begleitet von Larrys Erinnerungen öffnet sich vor unseren Augen der Abgrund: das Massaker von My Lai. Am 16. März 1968 ermordeten US-amerikanische Soldaten über 500 vietnamesische Zivilisten. Die Opfer waren unbewaffnet, wehrlose Frauen, Kinder, Alte Menschen. – Aber wir sehen keine Bilder von dem Massaker; es sind die Aussagen der Täter in Originalfilmen, die uns fassungslos machen. Sie reden sich heraus, verharmlosen, sprechen vom „Töten als Gnadentat“. Ihr Befehlshaber William Calley wird als einziger zunächst zu lebenslanger Haft verurteilt. In den Jahren der Nixon-Administration wird die Haft auf 20, dann auf 10 Jahre reduziert – bis Calley in einem Zivilprozess (weil die Opfer Zivilisten waren??…) freigesprochen wird. Freispruch für die US-Army, für die Fassade von Glanz und Gloria, für Krieg und Kriegsverbrechen als Kollateralschaden. 

Der Film dokumentiert, wie junge Menschen zum Begehen von Gewalttaten gebracht wurden – wie ihre Verarbeitung des Erlebten dann manipuliert wurde – und wie viele von ihnen dann zur Verarbeitung fremder und eigener Gewalttattaten unfähig waren. Nach fast 60.000 Kriegstoten auf US-Seite (und Zehntausenden von Invaliden) gab es in der Folge eine noch höhere Zahl von Opfern durch Suizide, da Hunderttausende von überlebenden GI’s noch Jahre und Jahrzehnte später von PTBS (posttraumati­scher Belastungsstörung) heimgesucht werden – auch in anderen Kriegen wie in Afghanistan und Irak – auch Bundeswehrsoldaten.[i] Ein viele Jahre streng gehütetes militärisches Geheimnis: Eine sechsstellige Zahl von Vietnam-Veteranen verlor da­durch Arbeit, Familie, Wohnung[ii] –Felder wies darauf hin, dass diese oft sogar auf die Kinder der Betroffenen übertragen werden. 

Larry Colburn und sein Freund Hugh Thompson – der Bordschütze und der Pilot – sie kämpften ihr Leben lang gegen die Front der Albträume. Gegen die Front der Selbstanklagen: „Hätte ich nicht noch mehr tun können…?“ Sie hatten in My Lai Zivilisten mit ihrem Helikopter gerettet. Larry zog ein Kleinkind unter seinen toten Eltern hervor und brachte es in ein Krankenhaus. Er richtete seine Waffe auf „Ka­meraden“, um das Massaker zu stoppen. Der „Dank des Vaterlandes“ gipfelte in der Entsendung beider Dissidenten in Todeskommandos. In der Folge erklärte die US-Army beide für tot. Doch sie überlebten. Larry konnte den Jungen später als Er­wachsenen finden, ihn treffen und ihn umarmen. 

Im anschließenden Filmgespräch spricht der Regisseur mit langen grauen Haaren leise von seinen Erlebnissen mit dem Film und dem Sujet. Wie im Film – der auch von Larrys Vater im 2. Weltkrieg berichtet und seinen Sohn Connor zu Wort kommen lässt – sind auch im Saal mehrere Generationen anwesend. 

Die Jungen begehren auf gegen ihren Missbrauch als Kanonenfutter. Sie legen Veto ein gegen die Militarisierung unserer Gesellschaft. In der Diskussion weist der Schü­lervertreter darauf hin, dass die Mehrheit der Schüler in Deutschland die im Raum stehende Wehrpflicht ablehnt. Laut Film war das Durchschnittsalter der US-Soldaten in Vietnam 19 Jahre (Larry war damals erst 18). 

Ältere berichten, wie sie im Kalten Krieg (gegen das „Reich des Bösen“) verweiger­ten und dabei verhörartig befragt wurden. 

Zivilcourage im Krieg ist gut, Verhindern des nächsten Krieges noch wichtiger

Für die Arbeit an dem Film – 2025 beim „African International Human Rights Festi­val“ ausgezeichnet und im Februar 2026 mit Untertiteln erstmals in Deutschland auf­geführt – benötigte Felder 15 Jahre. Seit Beginn der Arbeit daran hat der Film mit den dann begonnenen monströsen Kriegen (Ukraine, Gaza, Iran…) und der Forderung nach Kriegstüchtigkeit und Wehrpflicht jetzt eine dramatische Aktualität erlangt. Bezugnehmend auf den Ankündigungstext, der den Fokus auf Zivilcourage IM Krieg legt, warf der Moderator nach dem Gesehenen die Frage auf, mit welchem Recht wir heute von unserer Jugend verlangen können, überhaupt in den Krieg zu ziehen

Was der Vertreter des Schulstreikbündnisses gegen Wehrpflicht – gerade selbst 18 Jahre alt wie der Held des Films 1968 in My Lai – klar ablehnte. Er berichtete von ihren beiden bisherigen Streiks (am 05.12.25 und am 05.03.26): Zivilcourage sei jetzt HIERFÜR vonnöten, für das Aufstehen gegen den Wehrdienst. Denn die kurz vor dem Abitur stehenden jungen Leute seien dafür an ihren Schulen teils schweren Repressalien ausgesetzt – etwa durch das Ansetzen von Klassenarbeiten an Streik­tagen und das Nicht-Akzeptieren von schriftlichen Entschuldigungen bei Fehlen. Großenteils rechtswidrige Maßnahmen – aber wer ist jetzt bereit, das anzuklagen?? 

Die Vertreterin des Friedensbündnisses (Mitglied der DFG-VK) unterstützte das Votum des Schülervertreters und wies auf die allmonatlichen Beratungen für Ver­weigerer hin, die sie im Friedenszentrum anbietet: https://www.friedenszentrum.info/index.php/kdv.

Beide Autoren dieses Berichts ziehen letztlich ein sehr positives Fazit des Abends im Universum: 

Der Film dokumentiert neben dem Blick in das Grauen des Vietnamkrieges auch, wie er gestoppt werden konnte: durch Aufdeckung der Wahrheit darüber und durch öf­fentliche Proteste – nicht nur weltweit, sondern auch in den USA. Das anschließende Gespräch ermöglichte den Austausch der Wahrnehmung und Erfahrungen mehrerer Generationen zu einem der brennendsten Themen unserer Zeit. 

Wolfram Neue und Christoph Krämer 


[i] Johannes Clair: „Vier Tage im November – mein Kampfeinsatz in Afghanistan“ (Ullstein 2021) 

[ii] Die im Film genannten Opferzahlen wurden nach Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) ergänzt:
   https://www.bpb.de/themen/nordamerika/usa/317398/der-vietnamkrieg

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