Start Lokales Warum streicht die evangelische Kirche eine Veranstaltung mit Michael Lüders?

Warum streicht die evangelische Kirche eine Veranstaltung mit Michael Lüders?

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Michael Lüders in der evangelischen Akademie Braunschweig / Foto: Uwe Meier

Die Evangelische Akademie hatte für den 12. Februar eine Veranstaltung zum Thema Naher Osten angekündigt. Thema: „Israel, USA und der imperiale Größenwahn im Nahen Osten“. Als Referent war der langjährige Nahostexperte Michael Lüders gewonnen worden. Er ist in Braunschweig kein Unbekannter, an der Akademie hatte er bereits zweimal einen Vortrag gehalten, darüber hinaus war er über die Jahre hinweg an einer ganzen Reihe von Veranstaltungen in unserer Stadt beteiligt.  

Viele Interessierte hatten sich bereits schriftlich angemeldet. Nun aber teilt die Akademie plötzlich aus heiterem Himmel mit:

Liebe Gäste der Ev. Akademie Abt Jerusalem,

nach gründlicher Abwägung und Beratung mit Polizei und Staatsschutz hat sich die Ev. Akademie Abt Jerusalem entschlossen, die Veranstaltung „Israel, USA und der imperiale Größenwahn im Nahen Osten“ am 12.02.2026 abzusagen. In einer politisch sehr aufgeladenen Stimmung muss der Ertrag einer Veranstaltung mit der Gefährdung von betroffenen Gruppen und Teilnehmenden abgewogen werden. Die Auseinandersetzung mit dem Thema wird zu einem späteren Zeitpunkt in geeigneter Form nachgeholt.“

Der Beobachter ist erstaunt: Seit wann werden Polizei und Staatsschutz nach ihrer Meinung zu einer Veranstaltung befragt? Ist der Referent gemeingefährlich? Haben seine Worte ein explosives Potential? Gibt es gar Gefahr von außen, die die Teilnehmer der Veranstaltung betreffen könnte? Und wer ist mit den „betroffenen Gruppen“ gemeint? Wodurch könnten sie betroffen sein? Durch die Worte des Referenten? Durch gewaltsame Teilnehmer der Veranstaltung, die in der an den Vortrag anschließenden Debatte ausrasten und andere bedrohen?

All diese Fragen (bis auf die erste) lassen sich bei kurzem Nachdenken verneinen: bei keiner der bisherigen Veranstaltungen der Evangelischen Akademie gab es solche Szenen; auch nicht bei solchen, bei denen Michael Lüders referierte. Überhaupt ist es ja ein großer Vorzug der Evangelischen Akademie in Braunschweig, dass dort bisher auch sehr kontroverse Themen von ganz unterschiedlichen Referenten sachlich behandelt wurden und dass die anschließenden Debatten gerade nicht in Aggressionen endeten, sondern es in der Regel schafften, dass ein wirklicher Dialog zustande kam. So, wie es ja auch dem Anspruch der Akademie entspricht.

Zur Frage nach Polizei und Staatsschutz ist eigentlich nur zu sagen, dass es deren vornehmste Aufgabe wäre, die Grundrechte zu schützen – nicht zuletzt das Recht auf freie Meinungsäußerung. Es kann aber nicht ihre Aufgabe sein, über die Zulässigkeit von Veranstaltungen zu entscheiden. Und selbst wenn es gewisse Risiken gäbe (die hier auszuschließen sind), wäre es gerade Sache der Polizei, für den ordnungsgemäßen,  ungestörten Ablauf zu sorgen. Wenn es etwa Hinweise darauf gibt, dass eine Demonstration von hitzigen Gegnern gestört werden soll, wird ja nicht die Demonstration untersagt oder abgesagt, sondern die Veranstalter bitten die Polizei, eine Auge drauf zu haben. Genauso wurde es bisher auch hier gehalten, wenn Veranstaltungen anstanden, die von größeren Kontroversen hätten begleitet sein können. Die Polizei (in der Münzstraße) bedankte sich für die Information – und alles war gut.

Woher also kommt die plötzliche Absage fast im letzten Moment?   

Der Impuls zur Absage entstand gar nicht in der Akademie oder in der Evangelischen Landeskirche – dieser Impuls kam von außen. Der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden hat der Akademie „nahe gelegt“, die Veranstaltung zu streichen! Dem Vernehmen nach wird dem Referenten Michael Lüders dabei Einiges vorgeworfen, das jeglicher Grundlage entbehrt. Ist er Antisemit? Er war als junger Mann mit Aktion Sühnezeichen in Israel, er hat lange als Nahostfachmann für die ZEIT geschrieben, hat nicht wenige Bücher verfasst und ist des Öfteren in verschiedenen Medien um sein Fachwissen und seine Bewertung zu verschiedenen Fragen gebeten worden. Nie sind bei ihm auch nur Anflüge von antisemitischen Tendenzen beobachtet worden. Und auch im Ankündigungstext der fraglichen Veranstaltung wird sehr klar, dass die Politik der israelischen Regierung kritisiert wird – und nicht etwa das Volk von Israel oder gar jüdische Menschen ganz allgemein. 

Damit geraten aber diejenigen, die auf die Verhinderung der Veranstaltung hinwirkten, selber ins Blickfeld: wollen sie verhindern, dass die Politik der israelischen Regierung von einem Fachmann kompetent und konsequent kritisiert wird? Wenn sie diese Kritik für falsch oder überzogen halten, warum gehen sie dann nicht selber zur Veranstaltung und tragen ihre Kritik am Vortrag dort vor? Wenn sie die Akademie kennen würden, wüssten sie, dass sie ausreichend Raum dafür bekämen und dass in der dann folgenden Debatte  gerade nicht die Fäuste fliegen, sondern dass ein echter Dialog entstehen könnte. 

Wenn sie dem aber ausweichen und stattdessen die Akademie und die Kirche unter Druck setzen, bleibt doch der Eindruck, dass hier unliebsame Informationen und Meinungen unterdrückt werden sollen. Wie wollen sie dann der Vermutung entgegentreten, dass dadurch vielleicht sogar die Politik der israelischen Regierung abgesichert werden soll? Die stets wiederholte Formel, dass Kritik an der Politik Israels legitim sei, nur der „israelbezogene Antisemitismus“ nicht, wirkte dann doch nicht sehr glaubwürdig. 

Es ist bedauerlich, dass die landeskirchliche Verwaltung dem von außen aufgebauten Druck nicht widerstanden hat. Die Funktion der Evangelische Akademie als gesicherter Ort des Dialogs in unruhigen Zeiten sollte auf keinen Fall infrage gestellt werden.

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