Die deutsche Einheit war auch ein sportliches Zusammenwachsen. Besonders im Wintersport ergänzten sich Ost und West. Das Ergebnis ist eine bemerkenswerte Stabilität.
Während sich die Wettkämpfe der Olympischen Winterspiele 2026 in Mailand-Cortina ihrem Ende nähern, richtet sich der Blick gewöhnlich auf Tabellen, Medaillenstände und Momentaufnahmen sportlicher Erfolge. Doch der deutsche Wintersport erzählt eine größere Geschichte. Eine Geschichte über Leistungsfähigkeit, über politische Systeme – und über eine Seite der deutschen Einheit, die im öffentlichen Diskurs oft übersehen wird.
Denn wer verstehen will, warum Deutschland bis heute im Wintersport so stabil erfolgreich ist, muss auch auf den Osten des Landes schauen. Auf Regionen, Trainingskulturen und Erfahrungen, die lange vor der Wiedervereinigung entstanden sind – und die bis heute fortwirken.
Ausgangspunkt ebenfalls in Cortina
Bei den Olympischen Winterspielen 1956 traten Sportler aus der Bundesrepublik und der DDR noch gemeinsam an. Getrennte Mannschaften gab es erst ab 1968. Der Erfolg war damals noch überschaubar: Zwei Medaillen standen am Ende für die gesamtdeutsche Mannschaft. Eine goldene im Riesenslalom durch Rosa Reichert aus dem Allgäu – deren Spitzname „Ossi“ übrigens nichts mit Ostdeutschland zu tun hatte – und eine bronzene durch Harry Glaß aus dem Vogtland im Skispringen. Zwei Medaillen, Rang neun im Medaillenspiegel.
Im Rückblick wirkt das sehr unscheinbar. Doch wenige Jahre später begann eine Phase, in der deutsche Wintersportler – nun für zwei Länder, sogar für zwei weltpolitische Systeme startend – zu den erfolgreichsten und prägendsten Nationen der Olympischen Winterspiele gehörten. Und ein wesentlicher Teil dieser Erfolge hat seine Wurzeln im Osten.
Ein anderer Blick auf den Osten
Der Blick auf den Wintersport eröffnet eine Perspektive, die in vielen gesellschaftlichen Debatten selten geworden ist. Ostdeutschland erscheint häufig als schrumpfende Region mit wirtschaftlichen und strukturellen Problemen, Transformationszumutungen und demografischen Verlusten. Doch der Sport zeigt ein anderes Bild: das einer Region, die über Jahrzehnte Kompetenzen aufgebaut hat, die bis heute Wirkung entfalten.
Viele der stabilsten deutschen Erfolgsfelder im Wintersport haben ihre Wurzeln in der ehemaligen DDR. Trainingsmethoden, Infrastruktur, Trainerkulturen – all das hat nach 1990 nicht aufgehört zu existieren. Es wurde integriert, angepasst und weiterentwickelt. Der Osten ist in dieser Geschichte nicht nur ein Raum, der gefördert werden musste. Er ist auch ein Raum, der etwas mitgebracht hat: Erfahrung, Expertise und eine lange Tradition im Hochleistungssport.
Gerade deshalb wirkt der Wintersport wie ein leises Gegenargument gegen vereinfachte Erzählungen über die deutsche Einheit. Integration bedeutete hier nicht nur Anpassung der neuen Bundesländer an bestehende Strukturen. Sie bedeutete auch die Übernahme von ostdeutschem Wissen, die Anerkennung von ostdeutschen Leistungen – und die Einsicht, dass der Erfolg des vereinten Deutschlands ohne die sportliche Tradition der DDR in vielen Disziplinen kaum erklärbar wäre.


























