„Cycle-Tour“-Ärger: Stadt vergeigt Akzeptanz für das Radfahren

Halt, hier ist Schluss. Obwohl weit und breit kein Rennteilnehmer in Sicht war, wurden diese Passanten an der Kreuzung Karrenführerstraße/ Bohlweg/ Damm zum Ritterbrunnen weitergeschickt. Foto: Klaus Knodt

Radfahren ist toll, umweltfreundlich, und auf jeden Fall zu Bejahen. Und wenn sich dann 1000 Hobby-AthletInnen auf die 100 Kilometer lange Strecke von Magdeburg nach Braunschweig machen, gebührt ihnen Beifall.

Die Stadt Braunschweig als Austräger des diesjährigen Cycle-Tour-Ziels erweckt hingegen den Anschein, dass sie mit dem Thema Radfahren und Radsport nicht umgehen kann (oder will). Ihre Absperr- und Sicherungsmassnahmen, die am Sonntag mal wieder die halbe Innenstadt lahm legten, sollten wohl nur Eines erreichen: Radfahren als Verkehrshindernis im Gedächtnis der BürgerInnen zu implementieren. Damit vergeigt sie jede Akzeptanz für den Radverkehr.

In der offiziellen Pressemitteilung der Stadt vom 23. 08. 2018 hieß es:

„Wegen der Radsportveranstaltung "Cycle Tour" von Magdeburg nach Braunschweig sind am Sonntag, 26. August, einige Straßensperrungen erforderlich."

Da half kein Betteln und kein Flehen: Trotz leerer Rennstrecke schickte die Security die Fußgänger vom Damm bis zum Kennedy-Platz weiter. Foto: Klaus Knodt

 

Daher werden die Auguststraße und die Stobenstraße stadteinwärts zwischen 10 und 15 Uhr für den Kraftfahrzeugverkehr gesperrt, die beiden Fahrspuren auf der Ostseite des Bohlwegs bereits zwischen 6 Uhr und 16 Uhr. Das Magniviertel ist zwischen 10 und 15 Uhr nur über die Straße Ackerhof erreichbar.

Das Teilnehmerfeld ist aufgeteilt in eine Spitzengruppe (Radrennen) und eine Radtourenfahrt. Die Teilnehmer der Radtourenfahrt fahren auf ungesperrter Straße. Sie werden ab etwa 11.45 Uhr erwartet. Die Westseite des Bohlweges ist von der Sperrung nicht betroffen, allerdings ist wegen der Zieleinfahrt ... ein Linksabbiegen vom Bohlweg in die Georg-Eckert-Straße zwischen 10 Uhr und 15 Uhr nicht möglich.“

Kaum noch Zuschauer an der Strecke: Dennoch wurden mit „Hamburger Gittern“ selbst am Nachmittag gegen 14.00 Uhr noch trödelnde Nachzügler abgeschirmt. Foto: Klaus Knodt

 

Was die Stadt in ihrer offiziellen Verlautbarung verschwieg: Zwischen Kennedy-Platz und Ritterbrunnen war auf gesamter Länge die Querung der Straßen Auguststraße, Stobenstraße, Bohlweg und Ritterbrunnen bis zur ECE-Parkeinfahrt Am Schlossgarten auch für Fußgänger, Radfahrer, Alte, Behinderte und Mütter mit Kinderwagen verboten. Nicht nur bis zum Einlauf der „Spitzengruppe“ um 11.45 Uhr, sondern bis 15.00 Uhr. Im Abstand von 50 Metern wachten Security-Leute darüber, dass Niemand die mit „Hamburger Gittern“ gesicherten Straßen quert – egal ob Anwohner, Rollstuhlfahrer oder Kirchgänger. „Gleich spielt Eintracht und ich will in meine Fan-Kneipe im Magniviertel. Soll ich jetzt über den Zaun hucken?“, verzweifelte eine Mittvierzigerin an der Stobenstraße. Auch, wenn minutenlang kein Hobbyradler mehr kam, wurde der Straßenzug nach 11.45 Uhr auch für sämtliche „Radtourenfahrer auf ungesperrter Strecke“ hermetisch abgesperrt. Bei der Tour de France werden zumindest zwischendurch mal „Passierschleusen“ geöffnet. In Braunschweig Fehlanzeige. Wer über das Gitter hüpfen wollte, wurde sogar mit „Festnahme durch die Polizei bedroht“ (Anwohner aus der Kuhstraße).

 

 

Vollversagen eines inkompetenten Rathauses oder Absicht? Der Horten-Tunnel war dicht, als oben die Fußgänger-Überwege gesperrt waren. Foto: Klaus Knodt

Das (Fußgänger-!) Chaos wurde verschlimmert, weil eine bräsige Stadtverwaltung offenbar nicht dazu in der Lage war, den Horten-Tunnel öffnen zu lassen. Der wurde, man erinnert sich, vor ein paar Jahren vom Steuerzahler mit mehreren hunderttausend Euro ertüchtigt. So mußten die Fußgänger aus dem Damm entweder hoch zum Kennedyplatz traben oder sich über den verstopften Bohlweg bis zum Ritterbrunnen vorkämpfen. Die Situation wurde verschärft, weil Eintracht-Fans zu ihrer Stadion-Bahn an der Haltestelle Bohlweg kommen wollten.

Für diesen Renn-Funktionär mit Berliner Kennzeichen wurde das Absperrgitter an der Einmündung Karrenführerstraße von der Security sofort geöffnet. Foto: Klaus Knodt

Aber vielleicht hat die Stadt diese „Unannehmlichkeiten“ für ihre Bürger ja extra inszeniert, um das nächste Radrennen absa gen zu können – so nach dem Motto, „wir sind ja fahrradfreundlich und grundsätzlich toll grün, aber organisatorisch geht das nicht und Volkes Wille ist uns Gesetz...“ Das wäre dann allerdings infam und nicht nur bräsig.

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