Zwischen Verzweifelung und Happening: 2700 Schüler fordern ihr Recht auf eine lebenswerte Zukunft ein

Die Braunschweiger dürfen stolz auf ihre Jugendlichen sein. Nach dem Jahrzehnte-Versagen in der Umweltpolitik nehmen Sie nun das Heft selbst in die Hand. Foto Uwe Meier

 

Etwa 2700 Schüler nahmen in Braunschweig an der Kundgebung „Fridays for Future“ teil. Foto: Klaus Knodt

Das ist die Antwort auf Herrn Lindners (FDP) abfällige Bemerkung zu den Schülerdemos. Inzwischen zeigen sich tausende Wissenschaftler solidarisch mit den Forderungen der Schüler Foto Uwe Meier

„Wir sind die letzte Generation, die den Klimawandel noch stoppen kann. Und wir sind die erste Generation, die unter ihm leiden wird!“ Ebenso drastisch wie plakativ brachte die Braunschweiger Schülerin Ann-Kathrin Bormann (17) auf den Punkt, warum etwa 2700 Jugendliche heute die Schule boykottierten und statt dessen auf dem Schlossplatz demonstrierten. Die Welle „Fridays for Future“ hat Braunschweig erreicht und – wie in hundert Ländern weltweit – die Sorgen der jungen Generation fokussiert. Entweder wird jetzt sofort gehandelt und der menschgemachte Klimawandel gestoppt. Oder die kommenden Generationen haben eine apokalyptische Zukunft vor sich.

Mit viel Phantasie hatten die Schülerinnen und Schüler Plakate zu ihren Forderungen gestaltet. Foto: Klaus Knodt

Politbarometer mal anders Foto Uwe Meier

„Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!“ skandierten die Kundgebungs-Teilnehmerinnen, begleitet von Trillerpfeifen, an die Adresse der PolitikerInnen und eine lethargische Konsumbürgergeneration. „Es reicht nicht, nur den Kohleausstieg zu fordern. Unsere Generation steht vor viel größeren Herausforderungen, und die heißen Verzicht.“ Verzicht auf immer größeren Energiehunger, SUV’s, klimaunverträgliche Infrastrukturen. „Das geht jeden und jede Einzelne von uns an. Deshalb müssen wir jetzt handeln.“

 

„Hopp, hopp, Kohlestopp“ - eine einfache Botschaft auf Pappe zeigt die Sorgen der nächsten Generation drastisch. Foto: Klaus Knodt

Kritik an der Konsum- und Wegwerfgesellschaft passt zum Umwelt-Politikversagen der letzten Jahrzehnte Foto Uwe Meier

Und das geschah einerseits erstaunlich professionell (mit Bühne, Verstärker-anlage, Band, Polizeischutz und behördlicher Anmeldung), andererseits erfrischend authentisch, mit Happening-Charakter und handgemalten Plakaten auf Pappkartons. Da stand zu lesen: „Es ist unsere Zukunft, die Ihr verbrennt“. „Wir lernen nicht für eine zerstörte Zukunft“. Oder auch: „Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie längst gerettet“.

 

Schülerin Ann-Kathrin Bormann (17) bündelte das Anliegen der Jugendlichen in einer mitreissenden Rede. Foto: Klaus Knodt

Daraus spricht schon fast Verzweifelung. Verachtung auf jeden Fall für PolitikerInnen, die die Demonstrierenden als „Schulschwänzer“ verunglimpfen oder in Interviews verkünden: „Die Folgen des Klimawandels abzuschwächen ist eine Sache der Profis“. Das Lindner-Zitat war noch nicht beendet, da brüllten die Jugendlichen bereits: „Sch... FDP!“

 

Kaum hat eine Bewegung Erfolg, wird sie korrumpiert. „A39“-GegnerInnen statteten den Schülerprotest leider dutzendfach mit professionell gestalteten Plakaten aus. Foto: Klaus Knodt

TU-Professor Bernd Engel (Fakultät für Elektrotechnik) als Gastredner bekundete hingegen seine Solidarität mit den Forderungen der Schülerinnen und Schüler. „20.000 deutsche, österreichische und schweizerische Wissenschaftler als ‚Scientists for Futute’ unterstützen die berechtigten Anliegen und Demonstrationen“, sagte er. Die Bloggerin und ehemalige Schülerin aus Wolfenbüttel Louisa Dellert wurde frenetisch gefeiert, als sie die Bühne erklomm und die Stimmung auf den Punkt brachte: „Wir haben nur unseren einzigen Planeten, den wir unser Zuhause nennen“.

 Auch Bloggerin Louisa Dellert (27, vertreibt ihre Bücher per amazon) mischte sich als Rednerin in die Reihen des Schüler-Protests. Foto: Klaus Knodt

Was mit der Einzelaktion der mittlerweile weltbekannten Schülerin Greta Thunberg aus Schweden begann, ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Mit einer Wucht, die das Potenzial der jugendlichen Generation verdeutlicht: Ein Team von gerade mal 20 SchülerInnen hat in vier Wochen die Braunschweiger Veranstaltung organisiert und ermöglicht. Sprecherin Klara Herkel (18), Gymnasiastin aus der 12. Klasse: „Fridays for Future begann mit 400 TeilnehmerInnen und bekam immer größere Resonenz. Ein paar Lehrer waren genervt. Andere haben uns aber auch heimlich unterstützt.“ Sie hofft, dass das Thema Klimawandel nun auch mal im Lehrplan auftaucht: „Bisher wurde das nur kurz im Geographie- oder Politikunterricht gestreift.“

Genervt waren einige Teilnehmer der Kundgebung von den Trittbrettfahrern ihres Protests. Die „Aufstehen“-Bewegung gesellte sich mit einem Transparent in die Menge, die „BiBS“ schwenkte Fahnen. Die „Umweltgewerkschaft“ versuchte fleissig, Flyer an die SchülerInnen zu verteilen. A39-GegnerInnen hatten gleich ein Dutzend professionell gestaltete Plakate an die Jugendlichen verteilt, um prominent vor der Rednerbühne ins Bild zu gelangen. „Die alten Säcke und Tanten hätten vor 30 Jahren mal was tun sollen. Die interessieren uns heute nicht mehr“, sagte Marcus (16) aus der IGS Franzsches Feld. „Diese kleinlichen Inis sind nicht unser Protest.“

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