Flächenfrass: Bauernaufstand gegen Gewerbegebiet

So langsam regen sich die Bauern - zumindest in Bayern. Der Flächenfraß fruchtbarer Böden durch Straßenbau, Siedlungs- und Gewerbegebiete von täglich etwa 100 Hektar ist schon lange nicht mehr zu verantworten.

In der Region Braunschweig liegt dieses Problem mit der Zerstörung fruchtbarer Ackerfflächen im geplanten Gewerbegebiet Stiddien-Beddingen längst auf dem Tisch: Zerstörung der fruchtbarsten Böden in Stiddien-Beddingen

SZ - 10. März 2018 - Christian Sebald

Flächenfraß in Bayern

Bauernaufstand gegen Gewerbegebiet

·   113 Bauern und Grundbesitzer aus Oberfranken weigern sich, ihr Ackerland für ein neues Industrie- und Gewerbegebiet zu verkaufen.

·         Das Projekt, um das es geht, ist der "Gewerbepark Plärrer", den die Stadt Wunsiedel und der Markt Thiersheim westlich der Autobahn A 93 einrichten wollen.

·         Der Fall ist bayernweit einmalig.

Der Flächenfraß treibt nicht nur die Natur- und Umweltschützer um. Sondern auch die Bauern. An den Stammtischen genauso wie im Bauernverband (BBV) wettern sie seit Jahren gegen ihn an, weil ihnen dadurch immer mehr fruchtbares Acker- und Weideland verloren geht.

In Oberfranken machen jetzt 13 Bauern und Grundbesitzer nicht mehr mit: Sie weigern sich, ihr Ackerland für ein neues Industrie- und Gewerbegebiet zu verkaufen. Der Fall ist bayernweit einmalig. Denn für gewöhnlich schwindet der Protest der Bauern gegen den Flächenverbrauch, wann immer es um ein konkretes Projekt geht. Schließlich sind sie es, die als erste von neuen Gewerbe- und Wohngebieten, aber auch Straßen profitieren. Denn dann können sie ihr Acker- und Weideland teuer als Bauland verkaufen.

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Das Projekt, um das es geht, ist der "Gewerbepark Plärrer", den die Stadt Wunsiedel und der Markt Thiersheim westlich der Autobahn A 93 einrichten wollen. In dem Bereich gibt es bereits den einen oder anderen Betrieb, eine Tankstelle zum Beispiel und einen Autohof. Dazu Industriebrachen wie ein altes Betonrohrwerk, das in den Achtzigerjahren geschlossen wurde. Der Gewerbepark Plärrer soll an diese Flächen anschließen.

Die Machbarkeitsstudie, welche die beiden Kommunen derzeit erstellen lassen, geht von einer Gesamtgröße von fast hundert Hektar aus - was für die Region ein gigantisches Projekt wäre. Der Gewerbepark würde einmal etwa zwei Kilometer lang und 500 Meter breit sein. Der Wundsiedler Bürgermeister Karl-Willi Beck (CSU) legt freilich Wert darauf, dass die eigentlichen Gewerbeflächen vielleicht "50 bis 60 Hektar" umfassen werden. Sein Ziel sei ein Gewerbepark "in Richtung Ökologie und Green-Tec", schrieb Beck unlängst in Wunsiedler Gemeindeblatt. Das bedeute zum Beispiel, "dass wir zurückhaltend sind mit der Befestigung der Flächen".

Die Rede ist davon, dass die Dörfer verramscht werden sollen

Hintergrund der Planungen ist die Anfrage eines Investors, der einen Standort für eine neue, große Fabrik für Wellpappenpapier sucht. Der Gewerbepark soll freilich nicht auf diesen Investor ausgerichtet werden. Rathauschef Beck und sein parteifreier Thiersheimer Kollege Bernd Hofmann betonen, dass die Anfrage zwar Anlass, aber nicht der Grund der Machbarkeitsstudie sei. "Denn es fragen ja immer wieder Investoren auf der Suche nach größeren Flächen an", sagt Hofmann. "Aber im ganzen Landkreis Wunsiedel gibt es nur Flächen für kleine und mittlere Betriebe." Wenn man in der strukturschwachen und von Abwanderung geplagten Region neue Arbeitsplätze schaffen wolle, brauche man auch Flächen, auf denen sich Industriebetriebe ansiedeln können. Der Gewerbepark Plärrer soll die Lücke füllen.

Seit die Wunsiedler und Thiersheimer Pläne bekannt sind, gibt es massiven Widerstand dagegen. Natürlich zu allererst von den Naturschützern. Denn das Projekt soll mitten im Naturpark Fichtelgebirge entstehen. "Das Planungsgebiet umfasst sehr viele ökologisch höchst wertvolle Flächen", sagt der Geschäftsführer des örtlichen Bund Naturschutz (BN), Karl Paulus. "Der Gewerbepark würde nicht nur Feuchtwiesen mit seltenen Gräsern zerstören, sondern auch Teiche, Gehölze und andere wertvolle Lebensräume für unsere heimische Flora und Fauna." Klar dass Paulus und der Wunsiedler BN-Chef Alfred Terporten-Löhner die Planungen bekämpfen, seit sie öffentlich sind.

Auch in der Bevölkerung gibt es Protest - vor allem in den Dörfern in unmittelbarer Nachbarschaft des geplanten Gewerbeparks. Dort befürchten sie, dass ihr beschauliches Leben ein für alle mal dahin ist, sollte sich in ihrer Nähe eine Papierfabrik mit einer 500 Meter langen Produktionshalle oder ein ähnlicher Industriebetrieb ansiedeln. In Bernstein und Stemmasgrün hat sich eine Bürgerinitiative gegründet, die die Pläne bekämpft. Die Rede ist davon, dass die Dörfer verramscht werden sollen. Unter den Landwirten und den Grundbesitzern herrschte von Anbeginn an ebenfalls große Skepsis - vor allem auf der Wunsiedler Seite des Projektes. Dass sie aber fast geschlossen Front machen gegen das Projekt, damit hat Bürgermeister Beck nicht gerechnet. Zumal er sie zu einem sehr frühen Zeitpunkt über die Planungen informiert habe.

Wie auch immer, unlängst haben 13 Bauern und Grundbesitzer Beck einen Schriftsatz überreicht. Darin erklären sie, dass sie ihren Grund und Boden nicht verkaufen werden für den geplanten Gewerbepark. Damit das Schreiben rechtlich wasserdicht ist, haben sie sich anwaltlichen Beistand vom Bauernverband geholt. Den 13 Bauern und Grundbesitzern gehören etwa 40Hektar Fläche des 95 Hektar großen Planungsgebiets.

Der Grund der Verweigerung: "Die Flächen sind das wertvollste Ackerland in unserer Region", sagt Stephan Regnet, der Vize-Kreisobmann des Bauernverbands im Landkreis Wunsiedel. Er selbst besitzt zwar keinen Grund und Boden in dem Planungsgebiet. Aber er kennt die Verhältnisse sehr genau. "Das sind beste Böden, sehr wenig Steine und viel Erdreich. So ein Ackerland will keiner freiwillig hergeben." Viele in der Region Wunsiedel hoffen bereits, dass der "Gewerbepark Plärrer" Vergangenheit ist, bevor die Machbarkeitsstudie dafür abgeschlossen ist.

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