Heute Akademie-Vortrag zur Glücksforschung: Umdenken in den Wirtschaftswissenschaften

„Als ich zur Schule ging, wurde ich gefragt, was ich werden möchte.

Ich antwortete: „glücklich“.

Sie sagten mir, dass ich die Frage nicht verstanden hätte,

und ich sagte ihnen, dass sie das Leben nicht verstanden hätten.“

John Lennon

 

Erkenntnisse der Glücksforschung

aus der "Umweltzeitung" 11/12.2015

Prof. Ruckriegelhält heute am 03. Dezember 2015 um 19:00 Uhr in der Ev. Akademie Abt Jerusalem einen Vortrag zur Glückforschung.

Glücksforschung – Worauf es im Leben wirklich ankommt.“

 „Das letztendliche Ziel der Ökonomie (Ökonomik) ist, natürlich, zu verstehen was Wohlbefinden ausmacht, und wie es erhöht/verbessert werden kann.“ Ben Bernanke, Chef der US-Zentralbank (bis Ende Januar 2014), August 2012

 „Die herkömmliche Auffassung ist, dass wir erfolgreicher sind, wenn wir hart arbeiten. Wenn wir erfolgreicher sind, dann sind wir glücklich. ... Die jüngsten Forschungsergebnisse aus dem Feld der Positiven Psychologie haben aber gezeigt, dass es genau umgekehrt ist: Wir sind erfolgreich, wenn wir glücklich sind, nicht umgekehrt.“ Shawn Achor, The Happiness Advantage, New York 2010

 Zur Diskussion in den Wirtschaftswissenschaften – eine Hinführung

Die Wirtschaftswissenschaften befinden sich im Umbruch. Lieb gewonnene Annahmen („neoklassisches Paradigma“) stellen sich im Lichte neuerer interdisziplinärer Erkenntnisse als haltlos heraus.

Das Umdenken in den Wirtschaftswissenschaften macht sich an zwei neuen Richtungen fest, die auf unterschiedlichen Ebenen liegen. Der Verhaltensökonomie (Behavioral Economics) und der Glücksforschung (Happiness Research). Beides sind Ansätze, die im Gegensatz zur Neoklassik vom Wesen her interdisziplinär sind, d.h. Erkenntnisse der Psychologie, der Soziologie, der Neurobiologie und der Medizin mit aufgreifen.    

Die Verhaltensökonomie (Behavioral Economics) geht der Frage nach, wie Menschen wirklich entscheiden. Sie verabschiedet sich von der neoklassischen A-priori-Annahme des Homo oeconomicus, die Rationalität, Egoismus und Zeitkonsistenz (gegebene Präferenzen) im Handeln einfach unterstellt, und argumentiert auf der Grundlage der neurobiologischen und psychologischen Erkenntnisse des Dualen Handlungssystems, also dem Zusammenwirken von Neocortex und Limbischem System beim Treffen von Entscheidungen.

Die interdisziplinäre Glücksforschung (Happiness Research) geht der Frage nach, was Menschen wirklich wollen. Sie basiert auf der ökonomischen Grundfrage des effizienten Umgangs mit Ressourcen. Für Menschen ist aber letztlich die knappe Ressource ihre (Lebens-) Zeit und es geht deshalb darum, diese so zu nutzen, dass man glücklich und zufrieden ist. Es zeigt sich dabei, dass der Einfluss des Materiellen sehr begrenzt ist. Auch eine weitere A-priori-Annahme, der in der Neoklassik eine zentrale Rolle zukommt, und zwar der Annahme, dass „Mehr Materielles besser als weniger ist“, ist im Lichte der Erkenntnisse der interdisziplinären Glücksforschung nicht haltbar.

Glücksatlas 2015 Wo Deutschland am glücklichsten ist

Was ist Glück (subjektives Wohlbefinden)?

Die Glücksforschung beschäftigt sich mit Glück im Sinne des Glücklichseins, also mit dem subjektiven Wohlbefinden und nicht mit dem „Glückhaben“, also dem Zufallsglück (z. B. der Wahrscheinlichkeit eines Lottogewinns).

Es gibt zwei Ausprägungen des subjektiven Wohlbefindens:

„Emotionales“ Wohlbefinden: Gefühlslage im Moment, wobei es im Wesentlichen auf das Verhältnis zwischen positiven und negativen Gefühlen im Tagesdurchschnitt ankommt. Hier geht es um das Wohlbefinden, das Menschen erleben, während sie ihr Leben leben.

„Kognitives“ Wohlbefinden: Grad der „Zufriedenheit“ mit dem Leben (Bewertung). Hier findet eine Abwägung zwischen dem, was man will (den Zielen, Erwartungen, Wünschen), und dem, was man hat, statt. Es geht also um das Urteil, das Menschen fällen, wenn sie ihr Leben bewerten, wobei es hier entscheidend auf die Ziele ankommt, die Menschen für sich selbst setzen.

Eine glückliche Person erfreut sich häufig (leicht) positiver Gefühle und erfährt seltener negative Gefühle im Hier und Jetzt und sieht einen Sinn in ihrem Leben, verfolgt also sinnvolle und realistische (Lebens-) Ziele (emotional: Verhältnis positive zu negativen Gefühlen 3:1 und mehr im Tagesdurchschnitt; kognitiv: Zufriedenheitswert von 8 und mehr auf einer Skala von 0-10).

Zur Datenerhebung werden in groß angelegten Umfragen Einzelne über ihre Lebenszufriedenheit (und zunehmend mittlerweile auch über ihr emotionales Wohlbefinden) befragt. Einer der am häufigsten verwendeten Datensätze ist das Sozio-oekonomische Panel (SOEP), das seit 1984 als Längsschnittanalyse in Deutschland erhoben wird. Die Befragten haben die Möglichkeit, ihre Lebenszufriedenheit allgemein bzw. ihre Zufriedenheit in speziellen Bereichen (Arbeit, Familie, …) jeweils auf einer Skala von 0 – 10 also von „ganz und gar unzufrieden“ bis „ganz und gar zufrieden“ zu bewerten.

Was sind die Quellen des subjektiven Wohlbefindens (sog. „Glücksfaktoren“)?

Die interdisziplinäre Glücksforschung hat sich intensiv mit der Frage beschäftigt, welche Faktoren für unser subjektives Wohlbefinden wichtig sind. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von den sog. Glücksfaktoren, die Quelle des subjektiven Wohlbefindens (des Nutzens) sind. Im Einzelnen wurden von der Glücksforschung folgende Faktoren identifiziert:

  • Gelingende/liebevolle soziale Beziehungen (Partnerschaft, Familie, Freunde, Kollegen, Nachbarn, …);
  • Physische und psychische Gesundheit;
  • Engagement und befriedigende Erwerbs- und/oder Nichterwerbs-Arbeit;
  • Persönliche Freiheit;
  • Innere Haltung (im Hinblick auf Lebensziele/Prioritäten, Dankbarkeit, Optimismus, Vermeidung von sozialen Vergleichen, Emotionsmanagement, …) und Lebensphilosophie (Spiritualität, d. h. eine persönliche Suche nach dem Sinn des Lebens bzw. Religiosität);
  • Mittel zur Befriedigung der materiellen (Grund-) Bedürfnisse und finanzielle Sicherheit.

Die größte Bedeutung haben hier die sozialen Kontakte. Aber auch die Arbeit an sich stellt einen wichtigen Glücksfaktor dar. Wir brauchen Arbeit, da wir etwas Sinnvolles mit unserer Zeit anfangen wollen. Wir brauchen Arbeit, um Einkommen zu erwirtschaften. Arbeit schafft Möglichkeiten zur geistigen Weiterentwicklung. Arbeit vermittelt das Gefühl, gebraucht zu werden, stärkt unser Selbstvertrauen, schafft Identität und bietet soziale Kontaktmöglichkeiten.

Warum lohnt es sich, glücklich/zufrieden zu sein (bzw. zu werden)?

Wer etwas dafür tut, glücklicher zu werden, fühlt sich nicht nur subjektiv besser, sondern hat auch mehr Energie, ist kreativer, stärkt sein Immunsystem, festigt seine Beziehungen, arbeitet produktiver und erhöht seine Lebenserwartung. Die bekannte amerikanische Psychologin Sonja Lyubomirsky spricht hier von der lohnendsten Anstrengung im Leben. Glücklich sein ist die Folge eines gelingenden Lebens, m. a. W. im Glücklichsein spiegelt sich/zeigt sich ein gelingendes Leben. Und es gibt einen engen Zusammenhang mit Gesundheit und Lebenserwartung. Der Mediziner Tobias Esch schreibt in seinem Buch "Die Neurobiologie des Glücks – Wie die Positive Psychologie die Medizin verändert" (2. Auflage, Stuttgart u. a. 2014) hierzu: "Glück senkt den Stresslevel und stärkt die Immunabwehr. Außerdem schütten glückliche Menschen geringere Mengen des Stresshormons Cortisol aus, bekommen seltener Diabetes, Bluthochdruck und Herzinfarkte …So leben glückliche Menschen länger (ein „glückliches Leben“ korreliert, je nach herangezogener Studie, mit einer um 5-10 Jahre höheren Lebenserwartung), sie werden seltener krank, erkranken weniger schwer und/oder werden schneller wieder gesund.“ (S. 28).

Wie ist der Zusammenhang zwischen Glück/Zufriedenheit und Wirtschaftswachstum in den letzten Jahrzehnten in den westlichen Industrieländern

Im großen Stil betriebene weltweite Umfragen zur Zufriedenheit seit den 1960er Jahren haben gezeigt, dass es in den westlichen Industrieländern kaum einen Zusammenhang mehr zwischen einer Steigerung des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf und der Lebenszufriedenheit („kognitives Wohlbefinden“) gibt.

Zum einen passen sich die Ansprüche und Ziele an die tatsächliche Entwicklung an, d. h. mit steigendem Einkommen steigen auch die Ansprüche, so dass daraus keine größere Zufriedenheit erwächst (sog. hedonistische Tretmühle). Zum anderen ist – sofern die materielle Existenz gesichert ist –, weniger das absolute Einkommen, sondern vielmehr das relative Einkommen – das heißt das eigene Einkommen im Vergleich zu anderen – für den Einzelnen entscheidend. Bei einem generellen Einkommensanstieg für alle: Es kommt einfach zu einer Erhöhung der sozialen Norm, so dass die Zufriedenheit nicht steigt, da alle mehr haben. Bei unterschiedlichen Einkommensveränderungen: Die Summe der Rangplätze in einer Volkswirtschaft ist fix – steigt einer auf, muss ein anderer absteigen – ein Nullsummenspiel. Es kommt allerdings auch auf die Einkommensverteilung an.

Prof. Dr. Karlheinz Ruckriegel 

Fakultät Betriebswirtschaft / Management Institut 

TH Nürnberg

www.ruckriegel.org

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