Spaß statt Gesundheit?

Drei weitere Stadtteilbäder sollen in Braunschweig geschlossen werden, um Geld zu haben für ein „Spaßbad“. Als Ergebnis jahrelanger Reparaturversäumnisse erklärt man jene Bäder für zu kostspielig, so wie man aus gleichem Grund bereits das Sackring-Bad abgewickelt hat. Vielleicht wenig bekannt ist, daß auch die Universität Braunschweig wegen hoher Reparaturkosten ihr Schwimmbad geschlossen hat.

Als Sportmediziner möchte ich warnen: Der Rat der Stadt sollte nicht nur abwägen, was attraktiv ist und „betriebswirtschaftlich Sinn“ macht: Hat die Stadt nicht eine Fürsorgepflicht gegenüber ihren Bürgern und gerade gegenüber ihren „Randgruppen“, zu denen die Jungen, Behinderte und Alten zählen? Besonders diese profitieren von wohnungsnaher Schwimm-Möglichkeit, wie jeder Besucher der Bäder bestätigen kann.

Der hohe Wert des Schwimmens für die Gesundheit ist bewiesen; keine Vorbereitung, keine Vereinsmitgliedschaft, keine großen technischen Kenntnisse sind Voraussetzung. Zurecht gilt das Schwimmen sportmedizinisch als eine der besten Freizeit-Sportmöglichkeiten: Es ist Gesundheitssport schlechthin, bietet Vorbeugung und Wiederherstellung. Für jedes Alter geeignet fördert Schwimmen besonders auch Koordination und Ausdauer, was nicht jeder Sportart gleichermaßen gelingt.

Gerade in Zeiten, wo das Geld im Stadtsäckel knapp ist – also immer –, hat die Stadt in ihrer Verantwortung für seine Bürger dem Sport und hier dem Schwimmen als Freizeit- und Gesundheitssport den Vorzug gegenüber dem „Spaß“ zu geben. Wir leben angeblich bereits in einer Spaßgesellschaft; ein Spaßbad ist modisch, aber wohnungsnahe Schwimm(sport)-möglichkeiten sind wichtiger.

Schüler, Eltern mit Kleinkindern, Ältere, die etwas für ihre Gesundheit tun wollen und vom Wert des Schwimmens wissen, werden kaum zeitpflichtig durch die halbe Stadt fahren, um im „Freizeitbad“ Spaß zu haben.

Wir haben heute das Problem, daß immer mehr Schüler motorische Defizite zeigen, daß inzwischen binnen vier Grundschuljahren die Zahl bewegungsgestörter, übergewichtiger Kinder um 50 % ansteigt. In Niedersachsen haben jetzt schon über 50% der Erwachsenen übergewicht: Deshalb ist so wichtig, an einen Sport heranzuführen, der bei entsprechendem Angebot an wohn­ortnahen Bädern auch in der Freizeit, später nach Schulende in Eigeninitiative und spontan im Freundes- und Familienverband betrieben werden kann und gesund ist.

Unterstützt durch gesicherte, wissenschaftliche Studien fordern wir Sportmediziner seit Jahren die Tägliche Schulsportstunde; stattdessen wurde jetzt die dritte Wochenstunde Sport abgeschafft. Der Gesetzgeber in Niedersachsen hat vorgegeben, daß die weiterführenden Schulen Schwimmunterricht anbieten: Schon jetzt können die Braunschweiger Lehrer dem Gesetz nicht nachkommen. Die Situation wird sich nach Schließen der 3 weiteren Bäder dramatisch verschärfen.

Die sportmedizinische Bedeutung des Schwimmens wird in Anbetracht der sog. Gesundheitsreform und einer alternden Bevölkerung noch zunehmen; ich warne daher vor dem Bevorzugen des Spaßes statt einer flächendeckenden Schwimmbad-Landschaft. Hier droht in Braunschweig zu Lasten der Gesundheitsvorsorge ein nicht wieder gutzumachender Fehler aus möglicherweise modisch-optischen Motiven.

Der Erhalt der Bädervielfalt ist soziale Verpflichtung, und ein Schließen zugunsten des repräsentativen Neubaus ließe sich durch nichts entschuldigen.

Die Ratsmitglieder sollten ihren Wählern später genau erklären können, warum sie sich gegen oder für die Stadtteilinteressen, eventuell für Spaß statt Gesundheitsförderung entschieden haben.

Dr. Frank Schneider-Sickert, Braunschweig

Niedersächs. Sportärztepräsident

(Mit Erlaubnis von Herrn Dr. Frank Schneider-Sickert von Ralf Beyer hier veröffentlicht)

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