Jugend im Gleichschritt – die HJ zwischen Propaganda und Kriegsreserve

Projektleiter Dr. Martin Rüther vor einem der Schaubilder: Hier üben Kinder der HJ den Krieg mit scharfen Waffen. Das war ab 1939 in Deutschland Pflicht. Foto: Klaus Knodt

Sie sollte als „vierte Erziehungsinstanz“ die Familie, die Kirche und die Schule ergänzen: die Hitlerjugend (kurz: HJ), in der die Nationalsozialisten bereits ab 1932 Deutschlands Jugend beiderlei Geschlechts zu organisieren versuchten. Zu Kriegsbeginn marschierten 9 Millionen Jugendliche zwischen 10 und 21 Jahren im Gleichschritt der verbrechererischen Machthaber – und zu Kriegsende oft als letztes Aufgebot auf die Schlachtfelder.

Ein billiger Hitler-Druck als Urkunde und ein „Ehrendolch“: Dafür glühten 15-Jährige, die von den Nazis zum Heldentum verführt wurden. Foto: Klaus Knodt

Das Braunschweigische Landesmuseum hat die viel beachtete Ausstellung des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln nach dreijähriger Bemühung nach Braunschweig gebracht. Im „Kabinett“ des BLM am Burgplatz erwartet die BesucherInnen ab dem 12. Februar eine Schau, die sowohl die während der Zeit ihres Daseins bestehenden Unzulänglichkeiten der HJ beleuchtet, als auch einen Blick auf die zweifelhaften „Erfolge“ der Massenorganisation wirft: „Die Ausstellung dokumentiert in minutiöser Quellenarbeit Anspruch und Wirklichkeit der HJ. In heutiger Zeit mit ihren Freiheiten einer pluralen Gesellschaft vermittelt sie ein kaum vorstellbares Bild davon, wie die Jugend im Nationalsozialismus eingeengt und gleichgeschaltet wurde. Das beginnt schon beim vorgeschriebenen Haarschnitt“, so Museumsdirektorin Dr. Heike Pöppelmann.

Marsch eines Jungvolks durch ein Dorf in Nordrhein-Westfalen um 1944. Foto: BLM, Staatsarchiv Lippstadt, Bestand Nies

Projektleiter Dr. Martin Rüther nähert sich dabei chronologisch und zunächst behutsam dem Ausstellungsthema. So zeichnet er den Weg von der harmlos erscheinenden „Jugendorganisation“ mit dem Feldlager-Charakter der Wandervogel-Bewegung zur paramilitärischen Ausbildungsstätte für die späteren Frontkämpfer inkl. 3-wöchigem Zwangsaufenthalt im „Wehrertüchtigungslager“ nach. Und so wie in der männlichen Sektion der „Pimpf“ zum „wehrhaften Mann“ erzogen wurde, zwang das Regime die weibliche Jugend in der gleichrangigen HJ-Organisation „Bund deutscher Mädel“ (BdM) zur sportlichen Ertüchtigung für Kriegshilfsdienste, als Erntehelferin, treusorgende Krankenschwester oder spätere „gebärfreudige Mutter“, die dem Führer neue Soldaten schenken sollte. Der Organisationsgrad im BDM lag bei 80 %.

Mit solchen Pamphleten wurde die „Deutsche Jugend“ politisch und rassistisch indoktriniert. Foto Klaus Knodt

In Interviews mit 300 bis 400 Zeitzeugen wurde das Material über die „HJ“ zusammengetragen, da kaum noch Dokumente existieren. Schaustücke sind rar, aber umso grotesker: Ein zeitgenössischer Projektor, mit dem HJ-Werbefilme in oft improvisierten Schulungen abgespielt wurden. An Multimedia-Terminals erhalten BesucherInnen Kostproben. Oder der „HJ-Dolch“, den jeder Junge im Laufe seines hierarchischen Aufstiegs innerhalb der Organisation bekam. Die Kosten für das Messer, immerhin 4 Reichsmark, mussten freilich die Eltern tragen. Ebenso die Ausgaben für die Uniformen, BdM-Röcke oder den „HJ-Mantel Gr. 44 – 54“ zu RM 34,50. Familien, die da finanziell nicht mithalten konnten, fanden ihre Söhne und Töchter bei Aufmärschen verschämt versteckt in den hinteren Reihen nicht wieder. Das war die Rückseite der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“.

Zu wenig Raum räumt die Ausstellung dem Widerstand der unangepassten Jugendlichen, den „Schreckensteinern“ in Braunschweig oder den bekannten „Edelweißpiraten“ ein. Auch

Strafen und Sanktionen für Familien sozialdemokratischer, sozialistischer, liberaler, klerikaler oder humanistischer Prägung; für Eltern jüdischer Kinder oder von Regimegegnern werden marginalisiert: Nach dem Erlass der Durchführungsverordnungen zum „HJ-Gesetz“ von 1936 konnten und wurden Jugendliche von Ausbildung oder Abitur ausgeschlossen, wenn sie sich nicht der HJ anschlossen. Erst diese Restriktionen verhalfen der Organisation zu dem massenhaften Zulauf, der am Schluss in der Bespitzelung der eigenen Lehrer oder Familien durch Kinder gipfelte. „In gewisser Weise finden wir eine Fortführung davon in der FDJ der ehemaligen DDR“, so Rüther. „Viele HJ-Führer kamen nach dem Krieg sogar in der FDJ unter.“

In Braunschweig blieb mit der „Akademie für Jugendführung“ aus dem Jahr 1939 (heute: Braunschweig-Kolleg) ein Bauwerk erhalten, in dem der Ungeist der Umerziehung Jugendlicher institutionalisiert und verwaltet wurde. Die „Gebietsführerschule“ im Querumer Forst überstand den Krieg nicht.

Das BLM bietet insbesondere für Schulen Workshops und Führungen an. Die Ausstellung läuft bis zum 28. April und ist geöffnet Di. - So. von 10 bis 17 Uhr, jeden ersten Dienstag im Monat bis 20 Uhr. Infos unter www.3landesmuseen.de.

 

 

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