Gedanken im Februar: Gemeinsinn

Wenn es viele Monate dauert, ehe es in einem demokratisch verfassten Gemeinwesen nach einer Wahl zur Regierungsbildung kommt, fragen nicht nur Spötter: Ist es wirklich so mühsam, ein Land wie Deutschland zu regieren? Die ehrliche Antwort ist: Ja, es ist und wird von Mal zu Mal mühsamer. Was einst als Besonderheit von Italienern, Franzosen und einigen anderen angesehen wurde, ist keine Besonderheit mehr. Nach und nach scheinen alle freiheitlichen Staaten ihrer Unregierbarkeit zuzustreben. Denn alle sind von einem Spaltpilz befallen, der sie nicht nur in Teile zerlegt, sondern geradezu pulverisiert.

Belege hierfür finden sich in allen Bereichen, von den Parlamenten bis hin zu den Familien. Im Bundestag beispielsweise sind ja mittlerweile nicht nur sieben Parteien vertreten – das hat es auch früher gelegentlich gegeben – nein, jede dieser Parteien zerfällt in weitere Parteiungen, die keineswegs harmonisch zusammen-wirken. Im Grunde ließen sich unschwer zwei Dutzend politisch eigenständige Fraktionen bilden, was nur deshalb nicht geschieht, weil dann zu viele durch den Rost der Fünf-Prozent-Klausel fielen.

Dieser Zerfall setzt sich fort in Gewerkschaften, Kirchen, Universitäten und Vereinen. Da kann man oft nicht miteinander. Zu unterschiedlich sind die Interessen und zu groß die Verlockungen, diese Unterschiede auszuleben. Wozu auf die Belange anderer Rücksicht nehmen? Die tun das doch auch nicht. Schließlich ist sich jeder selbst der Nächste. Das war das vielleicht Quälendste der zurückliegenden Wochen und Monate: das unsäglich Enge, Kleingeistige, Rechthaberische und Eitle.

Da mag von Kanzeln und Tribünen noch so lautstark an Gemeinsinn appelliert werden. In der Stunde der Wahrheit zerfällt diese Gesellschaft mit samt ihren Institutionen und Organisationen in kleinste Einheiten, die mit Kralle und Zahn ihre Vorteile gegenüber anderen zu wahren und zu mehren suchen: Dabei fordern alle ganz selbstverständlich nur, was ihnen zusteht. Alle kämpfen für die gerechte Sache, oder besser noch Gerechtigkeit als solche.

Nimm was Dir zusteht und wenn es Dir nicht zusteht, nimm es trotzdem. So zu denken und zu handeln entspricht der generationenlangen Konditionierung der jetzt Aktiven. Suche Deinen Vorteil, mehre Dein Individualwohl! Das Ganze wird schon für sich selber sorgen. Doch so eingängig dieser Satz vielen erscheinen mag – er ist nicht nur falsch, er ist auch zerstörerisch.

Das Gemeinwohl ist nämlich nicht nur die Summe allen Individualwohls. Es ist etwas qualitativ anderes und ungleich Größeres. Das Gemeinwohl muss gewollt sein, von jedem einzelnen und dem Gemeinwesen als Ganzes. Erlischt dieses Wollen, hört das Gemeinwesen auf zu sein. Zwar gibt es noch die historischen Wegmarken, in denen Gemeinsinn hell auflodert. Die deutsche Wiedervereinigung war eine solche Marke und auch die Bereitschaft, binnen eines Jahres fast eine Million Kriegsflüchtlinge aufzunehmen. Aber die lodernden Feuer werden schnell zu Asche. Die Gesellschaft zerfällt wieder in ihre antagonistischen Gruppen und Grüppchen.

Dieser Zerfall könnte weiter vorangeschritten sein als viele meinen. Wofür stehen wir denn noch gemeinsam – in unserer unmittelbaren Nachbarschaft, unserer Gemeinde, von Deutschland, Europa und der Welt ganz zu schweigen? Stehen wir für eine digitale Zukunft? Das wäre doch wohl allzu ärmlich. Wofür stehen wir aber dann, alle gemeinsam? In einer von Partikularinteressen zersplitterten Gesellschaft fällt die Antwort schwer. Menschenrechte? Demokratie? Welche Opfer sind wir bereit, für sie zu erbringen? Sehr eindrucksvoll ist der Einsatz nicht. Jeder kocht sein eigenes Süppchen. Trotz allen politischen Haders - ohne Gemeinsinn geht es nicht.

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