Wir sind zufrieden

Zum neuesten Trend in der Berichterstattung der „Braunschweiger Zeitung"
Seit einigen Wochen beschleicht einen bei der Lektüre der Braunschweiger Zeitung ein merkwürdiges Gefühl der Leere: Es hat eigentlich gar nichts Richtiges dringestanden! Konnte man sich früher über die neuesten Taten des Herrn Oberbürgermeisters ärgern, so gibt es, seit er sich auf die Außendarstellung der Stadt spezialisiert hat, nicht Substantielles mehr zu melden. Natürlich gäbe es Themen genug, Magni-Stauwasser, Fernwärme-Preise usw., aber da dies nicht von Herrn H. gesetzte Themen sind, spielen sie für die Zeitung auch keine Rolle.

Dafür hat die Zeitung ein neues Genre eingeführt: Die Zufriedenheitsmessung. Fast täglich darf ein (repräsentativer?) Anteil der Bevölkerung bezeugen, wie zufrieden er mit der Stadt und ihren Einrichtungen (bis hin zu den Kneipen) ist. Das oben erwähnte Gefühl der Leere mag mit dieser Selbstbezüglichkeit zusammen hängen. Man erfährt nicht Neues über die Stadt und ihre Bewohner, sondern nur, wie stark der Grad ihrer Zufriedenheit ist. Ob da irgendwer Corporate Identity verordnet hat? Innendarstellung sozusagen als Gegenstück zur Außendarstellung? Wie auch immer, es geht ein gewisser normativer Druck von diesen „Umfragen“ aus. Wer sich den Bedürfnissen dieses offenbar recht anspruchslosen Menschenschlags nicht anschließt, wer sich vielleicht Besseres für die Stadt vorstellen kann, muss sich als Außenseiter fühlen, als ewiger Stänkerer und Meckerer. Vielleicht ist das auch eines der Ziele dieses Manövers: Den Nörglern zeigen, wie isoliert sie sind.

Sind wirklich alle zufrieden? Morgen, am 29. Oktober, findet auf dem Kohlmarkt ab 17 Uhr eine Kundgebung der Montagsdemonstranten statt, bei der jeder mitreden kann. Sicher, Hartz IV ist keine kommunale Erfindung, aber die Stadt ist an der Ausgestaltung beteiligt. Man darf neugierig sein, ob die „Braunschweiger Zeitung“ darüber berichten wird. Die Leser von „Unser Braunschweig“ sind jedenfalls aufgefordert, daran teilzunehmen!