Vortrag Lüders: Wenig Hoffnung in Nahost

Michael Lüders´ kritischer Blick auf den Nahen Osten

Es war ein düsteres Bild, das der Journalist und Orientalist Michael Lüders in seinem Vortrag am 9. Oktober 2014 im Franziskussaal der Abt-Jerusalem-Akademie entwarf. Das Friedenszentrum und die Abt-Jerusalem-Akademie hatten den renommierten Fachmann in Nahostfragen zu einem Vortrag eingeladen, der dazu beitragen sollte, das Chaos der gegenwärtigen Verhältnisse zu verstehen.

Mit nüchternen Worten beschrieb Lüders den gut 130 Zuhörern eine politische Ordnung, die noch von den Kolonialmächten England und Frankreich geschaffen worden war und die sich nun teilweise in Auflösung befindet. Syrien und Irak sind zerfallende Staaten – und als solche der Ort, an dem der Terror des IS sich entfalten kann.

Die Staaten des arabischen Raumes sind keine Industriestaaten. Es sind Feudalsysteme, in denen eine kleine Oberschicht über ein wachsendes Heer von mittel- und perspektivlosen Menschen herrscht, von denen die meisten unter 20 Jahre alt sind. Lüders beschrieb die arabischen Gesellschaften als nicht-inklusiv: Jeder Politiker bediene nur seinen Clan. Eine Änderung, wenn sie denn erstrebt werde, könne Jahrzehnte dauern.

Als weiteres destruktives Element nannte Lüders die amerikanischen Interventionen. Im Irak hätten die USA es vor allem nach dem Sturz Saddam Husseins versäumt, gegen die Auflösung der (sunnitisch geprägten) Armee und des Beamtenapparats einzuschreiten; die Folge sei das Erstarken von IS(IS), der sich hauptsächlich aus Saddams abgehalfterten Soldaten rekrutiere. Sie versprechen der sunnitischen Minderheit Arbeitsplätze und Prestige. Das gilt auch für die syrischen Sunniten, die sich durch Assads alevitische Klientel diskriminiert fühlen. Solange diese Situation andauere, wird es, laut Lüders, zu keinem Ende des Krieges kommen, da der IS immer wieder Nachschub erhält.

Lüders entwarf das Szenario eines dreißjährigen Krieges im Nahen Osten, in dem alle Beteiligten ihre Macht erhalten und vergrößern wollen. Insbesondere die Türkei verfolge Großmachtpläne, die auf der Ausschaltung kurdischer Autonomiebestrebungen sowie dem Sieg über Assad beruhten. Wenn die Rechnung nicht aufgehe, so sei der Bündnisfall für die NATO gekommen, was dann Russland und China auf den Plan rufen werde.

Lüders beschrieb den Nahen Osten als ein Knäuel divergierender Machtinteressen, die sich keineswegs in „die Guten" und „die Bösen" einteilen ließen. Jede Macht verfolge ihre eigenen Interessen. Ein Konsens sei nirgends in Sicht.

Lüders sprach nüchtern, wenn auch nicht ohne Emphase. Das Publikum folgte gespannt bis ans Ende seiner Ausführungen und meldete sich dann mit zahlreichen Fragen zu Wort. Aber gegen die grundsätzliche Aporie im Nahen Osten, wie sie Lüders beschrieben hatte, kam kein ernsthaftes Gegenargument auf. Eine Patentlösung für die zahllosen Widersprüche wusste niemand. Denn selbst der Gedanke einer umfassenden Nahostkonferenz, der gern ins Feld geführt wird, setzt den Willen der Beteiligten zum Kompromiss voraus. Lüders schien die niederdrückende Wirkung seiner Prognose zu spüren und wies auf die vage Möglichkeit eines Sinneswandels der Beteiligten hin. Die käme allerdings einem Wunder gleich.

"Es rollt ein politischer Tsunami auf uns zu."

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