Auftauchen bei voller Fahrt: „Das Boot“ im Aquarium

Deutsche U-Boote im Nordatlantik. Foto: Deutsches Marinearchiv / honorarfrei

Kulissenfrei die Bühne, der Zuschauerraum halbleer: solch eine kärgliche Umgebung hätte Heiner Take nicht verdient bei Theo Voerstes „Installation mit Musik“ zu Lothar-Günther Buchheims Werkadaption des Millionen-Sellers und Kino-Klassikers „Das Boot“. Denn er glänzt, reißt mit, holt mit Mimik und Gesten aus dem (zu oft?) bekannten Stoff Nuancen heraus, die die große Leinwand eines Wolfgang Petersen nicht zu beleuchten vermochte.

Besoffen im Zynismus der Unmenschlichkeit gestrandet, wankt Buchheim’s Alter Ego Werner (Heiner Take) mit einer Schnapsflasche in der Hand auf die Bühne, während im Hintergrund eine Chansonnette „l’amour“ preist: „Alle voll bis Oberkante Unterkiefer. Erkennen den eigenen Kommandanten nicht mehr. Erschiessung von gestern liegt mir noch im Magen. 19 Jahr’, Fahnenflucht.“

So sehen Helden aus, die als propagandistisch ausgebeutete „Graue Wölfe“ in einer engen Stahlröhre eingezwängt hinterhältig Material und Menschen per Torpedo vernichten mussten. „Wir machen uns zu Abwrackern, zu Ausschlachtungsbeamten“ sinniert Werner, als sein Boot mit seinen 50 Mann Besatzung lauernd im Atlantik dümpelt. „Jedes Boot war mir als Kind ein Wunder. Eisen, das auf Wasser schwimmt.“ Und jetzt? Jetzt wagt die geschundene Kreatur im Dienst der Maschinerie nicht einmal, dem Kaleu zu widersprechen: „Philosophendampfer“ schimpft der verächtlich über Mannschaften, die den (Un-) Sinn des Kriegsauftrages nicht mehr verstehen. Denn „Politik wird in der Offiziersmesse nicht geführt. Fragen sind ganz und gar verboten.“ Schlimmstenfalls steht darauf die Todesstrafe.

Unter diesem Druck wird das Ermorden anderer Menschen zum Sieg, das „Boot“ zur ikonisierten sinnlichen Heimat: „Flanken, Nase, ein röm. VII C-Boot. 17,3 Knoten aufgetaucht, 7,6 unter Wasser.” Bis es „UA“ in Form einer Mine selbst trifft und vor Gibraltar auf 280 Meter Tiefe reißt: „Hier liegt unsere Röhre mit 50 Körpern. Fleisch, Blut, Knochen, Rückenmark. Warten, warten, warten. Keine Waffe, keinen Hammer in der Hand. Komm doch endlich, du Scheißbombe.“

Theo Voerste am Bass unterlegt das Solospiel mit Hall und viel Gefühl authentisch. Das beginnt beim „Pling-Pling“ der Sonar-Echographie und endet beim Nachempfinden der Schraubengeräusche eines überfahrenden Kreuzers. Ganz ohne das crescendierende Getöse eines Klaus Doldinger. Nur Stille und Todesahnung und Pling-Pling.

Als der Sauerstoff zuende geht, dämmert dem todgeweihten Werner: „Ich hätte mich drücken können. Aber ich wollte ja partout.“ So wird aus der Inszenierung kein „ambitioniertes Antikriegsschauspiel“, kein plattitüdes Heldenepos wie bei Petersen, sondern ein Drama über menschliche Unvernunft. Warum glauben wir an unsere Überlegenheit? Warum leiden wir dafür? Warum töten wir uns?

Die Inszenierung in Braunschweig holt diese Fragen wieder in den Lichtkegel. Die Sache „Boot“ gibt dem Individuum Scheinsinn: „Ich bin im Boot, ich bin unsterblich“.

Der Autor, zu Recht zwiespältig betrachtet, ist diesen Fragen aus dem Weg gegangen: er verstand sich nicht als Kommentator, sondern als Berichterstatter. Legendär sein Interview, dass der „Playboy“ nicht drucken wollte: http://elfriedejelinek.com/andremuller/interview%20mit%20lothar-guenther%20buchheim.html

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