„Schwarzmarkt“: Fakten als unterhaltsames Event

 

60 ExpertInnen liessen sich im Kleinen Haus von den ZuschauerInnen an drei Tischreihen zu den unterschiedlichsten Fragen löchern. Foto: Klaus Knodt

Welche Voraussetzung muss man in Deutschland erfüllen, um amtlich korrekt sein Geschlecht zu ändern? Mit welchem Browser kommt man ins Darknet? Und welche Folgerungen können wir aus der nach Nachkriegs-Einwanderungswelle aus den ehemaligen Ostgebieten vor dem Hintergrund der heutigen Migration ableiten?

Fragen über Fragen, und noch tausend weitere dazu. Beantwortet wurden sie am Wochenende im kleinen Haus des Staatstheaters – beim „Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen“, einem Gastspiel der Mobilen Akademie Berlin im Rahmen der Thementage Escape to Live. Vermitelt von 60 mehr oder weniger bekannten ExpertInnen aus der Region, konnten sich die ZuschauerInnen simultan den oder die EpertIn ihrer Wahl für einen Euro buchen, um ihn oder sie dann mit seinen Lieblingsfragen zum Thema zu löchern.

Am „Schwarzmarkt“-Counter im Foyer des Kleinen Hauses buchten Wissbegierige ihre ExpertInnen. Foto: Klaus Knodt

Und das Publikum war bei den Gesprächen zwischen Koryphäen und Laien stets live dabei. Mittels Funk-Kopfhörerset konnten die BesucherInnen den persönlichen Zwiegesprächen lauschen. Ein Stückchen Esoterik hier, Fragen zur Atommüll-Lagerung dort, literarische Diskussion auf Funkkanal 6, seelische Probleme von Migranten auf Channel 2. Meinungen und Wissensfragmente im Minutentakt – so eine Art Mischung aus Talkshow und überflüssigem Facebook-Getwitter, nur halt life, in Farbe und analog. Das greift nicht nur moderne Kommunikationsformen auf, sondern führt sie letztendlich ad Absurdum: Der moderne Mensch informiert sich häppchenweise und bedarfsgerecht aus jenen Quellen und zu jenem Thema, das sein Rechtfertigungsbedürfnis für die eigenen Vorurteile am besten befriedigt. Und wenn der Fachmann/die Fachfrau mit Fakten daherkommt, die dem eigenen Weltbild nicht entsprechen, kann man das Gequatsche ja abdrehen und zu einem anderen Thema switchen.

Zwiegespräche zum Mithören für Jedermann: Das Theater wurde zur Info-Börse. Foto: Marcus von Bucholz

Da vertrat Professor Dr. Martin Korte (Neurobiologe an der TU Braunschweig) etwa die These: „Kinder und Jugendliche übernehmen die Muster zur Lösung von Konflikten aus ihrer Umwelt. Diese statistischen Neigungen lassen sich durch eine gute Durchmischung in der Grundschule beeinflussen.“ Bloggerin Fiona Dinkelbach verriet ihr Erfolgsgeheimnis: „Zuerst habe ich nur über Mode gebloggt. Dann habe ich mittels Google Analytics festgestellt, dass sich meine Zielgruppe, 30-jährige Frauen mit Geld, sich stark für Reisen im Luxussegment interessieren und das Thema stärker berücksichtigt – u.a. mit Tipps, wo man in Bangkog gut Essen gehen kann oder Ähnlichem.“ Amerikanistin Abigail Fagan (Leibnitz Uni Hannover) wartete mit der tiefgründigen Erkenntnis auf: „Weil Eva laut Bibel unter Schmerzen gebären sollte, konnte noch in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts für viele Gläubige kein Kind von Gott sein, das ohne Schmerzen geboren wurde.“ Gut, zu wissen – auf vollbesetzten Rängen im Kleinen Haus sogen die ZuhörerInnen derartige Weisheiten mit Genuss in sich auf.

Und über Allem herrschte Stimmgewirr. Die ExpertInnen des „Schwarzmarkt“ waren ausgebucht. Foto: Marcus von Bucholz

Innovativ, zuweilen skurril, fragmentarisch und zuvörderst unterhaltend wurde die „Schwarzmarkt“-Premiere zum unterhaltsamen Event. Und gelernt wurde auch was. Für’s Darknet braucht man den Browser „Tor“. Und vor einer Geschlechtsumwandlung, so Transgener/in Johanna Jahn, steht in Deutschland die behördliche Forderung nach intensiven psychologischen Sitzungen bei einem anerkannten Spezialisten für sogenannte „Geschlechtsidentitätsstörungen“. Aha

 

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