„Philibert und Fifi“ im Städtischen Museum: Widerstand mit spitzem Stift

 

Das kleine Strichmännchen „Fifi“ ist ein ständiger Begleiter in Philibert’s Karikaturen. Repro: Marcus von Bucholz

 Fast 70 Jahre haben diese Kostbarkeiten in archivarischer Dunkelheit geschlummert. Das Städtische Museum Braunschweig holt jetzt erstmals alle 80 erhaltenen Zeichnungen des französischen Malers und Karikaturisten Philibert Charrin (1920 bis 2007) in die Öffentlichkeit, die er als Zwangsarbeiter der Nationalsozialisten in einem österreichischen Arbeitslager anfertigte – konspirativ, mit spitzem Stift, subtilem Humor und in ihrer entlarvenden Lächerlichkeit zersetzend. Immer wieder begleitet seine Zeichnungen, fast wie eine Signatur, das schmunzelnde Strichmännchen „Fifi“, das in seiner naiv erscheinenden Arglosigkeit kontrapunktisch die herrschenden Heldenmenschen ins Abseits des Absurden verdammt.

 

Museumsdirektor Dr. Peter Joch entdeckte die Philibert-Sammlung im NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln. Foto: Marcus von Bucholz

„Mit dem Nationalsozialismus gehen Beschäftigungsrituale einher, die den Schrecken fast vergessen machen“, begründet Museumsdirektor Dr. Peter Joch den Blick auf den seit 1946 erstmals gezeigten Zyklus von Charrin. „Noch einmal in Lyon ausgestellt, interessierte sich danach niemand mehr für die Bilder und Charrin verschloss bis kurz vor seinem Tode im Jahr 2007 diesen Lebensabschnitt in sich.“ Niemand im besiegten Deutschland, aber auch niemand im Frankreich der einstigen Vichy-Kollaborateure unter einer Regierung Pétain, mochte sich der kollektiven Schande der Zwangsarbeiter-Praxis mehr erinnern. Denn es waren willfährige Franzosen gewesen, die ihre unliebsamen Landsleute - oft Kommunisten, Intellektuelle, Gewerkschafter, Künstler - den braunen Besatzern als billige Sklavenarbeiter im Straßen- und Eisenbahnbau, für Wehrbetriebe und Rüstungsfabriken „zur Verfügung“ stellten und in der eigens gegründeten Organisation „STO“ (service du travail obligatoire) auslieferten. Nach der Befreiung wusch sich die „grande nation“ lieber im Gedenken an den heldenhaften Widerstand der Résistance kollektiv rein. Da waren unschöne Schatten der Vergangenheit bäbäh.

 

Das Plakat zur neuen Ausstellung im Städtischen Museum Braunschweig. Sie läuft vom 15. März bis zum 13. Mai. Repro: Marcus von Bucholz

Charrin spielt und kennzeichnet mit kleinen, ikonographischen Symbolen die Gesellschaft und die Welt, der er zwei Jahre lang angehören musste. So taucht der Spaten, Werkzeug und einziger Besitz des zwangsverpflichteten „Terrassiers“ („Erdarbeiters“), immer wieder in den kleinen und meist monochromatischen Kunstwerken auf – mal zerbrochen, mal den Umriss eines GI-Helms imitierend, mal als stigmatisierendes Kennzeichen seiner Leidensgenossen. Und immer wieder kommentiert das pfiffig-drollige Strichmännchen „Fifi“, Charrins Alter Ego, die Szenerien mit entwaffnendem Humor. „Einem Humor, der für ihn Freiheit bedeutete und im Halse stecken bleibt“, so Dr. Peter Joch. Dabei wird, anders als bei den Nationalsozialisten selbst, dieser Humor nie zynisch. Die hatten, so erinnert Dr. Peter Joch, bekanntlich im Lager Auschwitz den „Karacho-Weg“ angelegt. Eine Lagerstraße, in der die KZ-Häftlinge singen mußten. Wer nicht laut und fröhlich genug einstimmte, wurde auf der Stelle erschossen.

Charrin und seine Mitgefangenen besassen immerhin kleine Freiheiten. So konnte sich in ihrem Lager ein kleiner Kulturkreis etablieren, der sogar einen Francois Villon-Abend veranstaltete. Dennoch mußte der Karikaturist viele seiner Zeichnungen verstecken. Was zu sehr nach einem Aufruf zur Sabotage aussah, wurde sofort beschlagnahmt.

Die „Philibert“-Ausstellung im Städtischen Museum wird ergänzt durch Blätter aus der eigenen Sammlung des Braunschweiger „Simplicissimus“-Zeichners Rudolf Wilke (1873 –1908) aus eigenem musealen Bestand. Mit bitterböser Ironie und wenigen Strichen porträtierte er in der Kaiserzeit Geistliche, Professoren, Soldaten, Studenten und andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens.

Die Ausstellung zu Philibert Charrin wurde ermöglicht durch die Kooperation mit dem NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln, dessen Vertreter Dr. Peter Müller zur offiziellen Eröffnung am 14. März um 19 Uhr im Haus am Löwenwall spricht. Didaktisch begleitet wird sie durch Vorträge, Führungen, Workshops, den Filmabend „Der große Diktator“ (Mittwoch, 21. März, 19 Uhr) und ein pädagogisches Begleitprogramm für Schulen (Infos und Anmeldung unter 0531 – 470-4504, Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!). Weitere Informationen, Öffnungszeiten und das gesamte Programm unter www.braunschweig.de/museum

 

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