Bericht aus Bumsdorf VIII - Bosse und sein Gefangener

„Der Gefangene hat uns angegriffen! Wir müssen ihn töten!“ Kalt und teilnahmslos spricht Bosse diese beiden Sätze aus, die mein Todesurteil bedeuten. Die anderen Kinder nicken begeistert.
„Das ist eine infame Lüge!“ erwidere ich empört, denn einen braveren Häftling als mich kann es gar nicht geben. „Und doofe Kriegspropaganda!“
Als Bosse, ein Junge aus Neles Kindergarten, mit seinem Holzschwert vor meinen Augen herumfuchtelt, reicht es mir dann doch, denn mein Leben ist wohl nicht ernsthaft in Gefahr, aber mein Augenlicht scheint tatsächlich bedroht zu sein.
Ich ziehe meine Arme aus der Schlinge, die um meinen Bauch gewickelt ist und nehme ihm das Schwert weg.
„Der Gefangene versucht zu fliehen!“ schreit Bosse wütend. Währenddessen pieksen mich die anderen Kinder mit ihren Fingern in den Rücken.

Gibt es denn hier keinen Kindergartencop, frage ich mich, jemand wie Arnie „so-dumm-wie-breit“ Schwarzenegger, der den Feind zur Strecke bringt wie der Jäger das scheue Reh?
Auf dem nächsten Elternabend werde ich beantragen, eine unserer gewaltfreien Erzieherinnen zu entlassen und stattdessen einen Angestellten von einem der zahllosen Braunschweiger Sicherheitsdienste zu mieten. Er wird dann die Kinder im Schach halten wie ein spanischer Torero den Stier. Vielleicht kann auch die Bundeswehr einen ihrer Ausbilder entbehren, um hier eine friedenserhaltende Maßnahme durchzuführen (es ja nicht der gleich der überambitionierte Ausbilder aus „Full Metal Jacket“ sein, den wir hier einsetzen), oder die Polizei darf hier ihre neueste Deeskalationsstrategie testen.
Das alles geht mir durch den Kopf, während Bosse und die anderen Kinder stechen und pieksen, doch mein Mund macht sich selbstständig und sagt etwas ganz anderes: „Weißt du Bosse, das ist doch total gefährlich, wenn du mit so einem Stock vor meinen Augen rumfuchtelst, das kann echt ins Augen gehen.“ Ich schäme mich ein bisschen bei diesen Worten, ich klinge wie ein blöder Sozialpädagoge, denke ich, womöglich sogar wie ein „Kindergärtner“. Doch immerhin habe ich Erfolg. Wortlos drehen sich die Kinder um und lassen mich stehen. „Blöder Sozialpädagoge!“ höre ich Bosse murmeln und ich weiß: Sie werden mich nie wieder als Gegner ernstnehmen können.



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Mehr Texte von Braunschweiger Autoren:
„Bumsdorfer Gerüchteküche“, Lesebühne mit Axel Klingenberg, Roland Kremer, Julian Meding, Marcel Pollex und Daniel Terek
10. Januar, 20.00 Uhr
Kaufbar, Bolchentwete 1, Braunschweig
https:/www.drk-sprungbrett.de

„Heimatabend“ mit Axel Klingenberg, Jan Off und Frank Schäfer im Rahmen des Braunschweiger Satirefestes
14. März 2008, 20.00 Uhr
Brunsviga, Karlstr. 35, Braunschweig
http://www.brunsviga-kulturzentrum.de

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