Max Goldt las im kleinen Haus: Viel Dankbarkeit von den Desillusionierten

 

Nach der zweistündigen Lesung signierte der Meister seine Werke für die AnhängerInnen. Foto: Marcus von Bucholz

Einen wie Max Goldt, vom Verlag auf Lesereise geschickt, muss dieses Tingeltangel wohl ermüden. Göttingen, Oldenburg, Braunschweig. Und dann lachen die Leute an vorausberechneter Stelle und klatschen, wenn der Erste im Publikum sich zu klatschen traut. Dabei sitzt leibhaftig vor ihnen der Meister der ziselierten Wortakrobatik, der Star aus studentischen „Titanic“-Tagen, das terrible Enfant des feinsinnigen Aufmupfs. Hat Goldt sein zumeist spätmittelaltes Publikum wirklich verdient?

 

Max Goldt unterhielt sein dankbares Publikum rund zwei Stunden lang Foto: Marcus von Bucholz

Industrietisch, Bürostuhl, Wasserflasche, ein Aktenordner. Dahinter der bullige Weißschopf fast unprätentiös, wenn sein zu groß blau-gelb kariertes Sakko nicht dauernd Augenkrebs im Kontrast zum taubenblauen Seidenhemd verursachen würde. Er kommt umgehend zur Sache. Es ist eine Lese- und keine Redetournee. „Ein Text aus 1999“ entschuldigt er die Begriffe „gameboy“ und „PDS“ und blättert wortgewaltig eine wirre Bilderreise auf: Sie führt vom Spielzeugmuseum in Nürnberg („Rundgang in 7 Minuten fertig“) zum „Gerümpel, dass man als Kind zu Weihnachten bekommt“ über das Drehrestaurant im Fernsehturm am Alex, dessen Rotation nach der Wende „mit einem Tempodrehregler beschleunigt wurde“. Skurrile Geistesblitze und Bilder, die aber keine stringente Erzählung ergeben. Daran ermangelt es nicht nur bisweilen, sondern stringent dem gesamten Abend.

Der Stimmung im ausverkauften kleinen Haus tut das keinen Abbruch; im Gegenteil. Bei Goldt kann man nie sicher sein, welche Lästerlichkeit als Nächste kommt, welchem Mikrokosmos übertriebener Absurdität er den roten Teppich ausrollt. Er springt vom gelähmten Fagottisten, dem Techniker irgendwie sicher das Musizieren im Rollstuhl ermöglichen, unmittelbar zum „Marika-Röck-Denkmal, das von Nerzen vollgekackt“ wird. Immer ein bisschen unflätig, immer ein bisschen übertrieben, aber durch sonore Stimme und Sicherheit im Ausdruck so gebändigt, dass das Verlesene haarscharf an beleidigender Rüpelei vorbeizielt. Reichlich Zwischenapplaus und Lacher geben dem Mann offenbar Recht – auch wenn er gleich in mehreren Passagen das schöne Geschlecht zur Zielscheibe seiner Spötterei erkürt. „Kinderspielplätze“, so der selbsternannte Erziehungsfachmann, seien „eben nur für die Mütter da. Damit die da rauchen und tratschen können, während die Kinder im Dreck hocken.“ Auch zu weiblichen Teenagern scheint sein Verhältnis gestört. So prangert er „die schlimmen Schleimvideomädchen auf U-Tube“ an, die „in ihren Homevideos rosafarbene Haushaltsschminke vorwiegend mit Glitzer manschen“. Und äfft die Protagonistinnen mit piepsiger Stimme böse nach: „Wir First-World-Mädchen sind die schlimmsten Klimakillerinnen aller Zeiten. Das müssen wir ändern, Schwestern!“

Das ist putzig, aber nicht wirklich tiefsinnig. Selbst als er zehn absurde Gründe anführt, „warum eine Muslima ein Kopftuch trägt“ oder sich über den „Pop-Feminismus“ einer gefühlt unterbelichteten Spiegel-TV-Interviewerin lustig macht, regt sich kein Widerspruch. Brav freuen sich sogar die meisten Damen im Publikum. Ist das ehrerbietiges Mitlachen, Einsicht in eine irgendwo im Innern tief empfundene Wahrheit oder schlichte Feigheit vor dem Offenlegen der eigenen weiblichen Befindlichkeit?

Immerhin macht Goldt Mut, nicht immer in dieselben Betroffenheits-Fallen zu tappsen, sondern gern nachgeplapperte Wahrheiten zu hinterfragen. Der in Dauerschleife wiederholten These, dass „Kinder diejenigen sind, die im Krieg am meisten leiden“, stellt er lakonisch entgegen: „Warum soll der Soldat im Schützengraben weniger leiden als ein Kind? Das Leid des Kindes ist größer, weil es beim Leiden niedlicher aussieht.“ So eine Feststellung ist abgebrüht, bürstet alle Konvention gegen den Strich und verdient schon daher einen Zwischenapplaus. Da sagt Einer etwas anderes als Goldt's Spott-Zielscheibe Petra Gerster. Die mit ihm aufgewachsene Generation der heute Desillusionierten quittiert's nachgerade mit Dankbarkeit.

Selbst für den abgedroschenen Kalauer „Die Steigerung von Feind ist Parteifreund“ gibt’s noch zaghaften Beifall und ein paar Lacher. Ja, Max Goldt hat sein Braunschweiger Publikum verdient.

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