Kleines Haus: Einsame Menschen krabbeln durch's eindimensionale Gebälk

Sitzen gelassen, schuldlos, naiv? Isabell Giebeler verleiht der Rolle der jungen Mutter Käthe im Stück „Einsame Menschen“ Tiefe. Foto: Staatstheater Braunschweig Thomas M. Jauk/Stage Picture

Freigeistige Intellektuelle nistet sich in kriselnder Kleinfamilie ein und treibt den psychisch labilen Ehemann in den Liebes-Freitod. Oder: Junger Vater scheitert an den eigenen Ansprüchen zwischen Familie, Job, Umwelt, Übervater und Geliebter. Er entleibt sich selbst, als die Begegnung mit dem fremden Weib ihm schonungslos die Fragilität seiner Lebenslügen aufzeigt. Oder: …

Gerhart Hauptmanns 130 Jahre altes Psycho-Drama „Einsame Menschen“ läßt sich aus heutiger Fachfrau/mann/sicht variabel interpretieren und inszenieren. Allein bedarf es dazu des Mutes zur klaren Aussage und einer Idee, die über ein Denken in Gut und Böse, Täter(in) und Opfer, Schuld und Mitgefühl hinausgeht. Wir haben mittlerweile genug „Spiegel Psychologie aktuell“ gelesen und „Tatort“ mit Ulrike Folkerts gesehen. Wir wollen Atmosphäre und Tiefe.

 

Regisseurin Alice Buddeberg lässt ihre AkteurInnen meistens in einem riesigen Holzfachwerk herumkraxeln. Foto: Staatstheater Braunschweig Thomas M. Jauk/Stage Picture

Regisseurin Alice Buddeberg lässt ihre DarstellerInnen in einem nahezu eindimensionalen Fachwerk-Gebälk herumkrabbeln (Bühne: Cora Saller). Das Bild korrespondiert mit ihrer Inszenierung im Kleinen Haus des Staatstheaters, denn ähnlich eingefächert und eindimensional zeichnet sie die Charaktere. Da gibt es die Hauptfigur Johannes Vockerat (Cino Djavid), einen als Ehemann, Gelehrter, Liebhaber und Mensch gescheiterten Feigling, der – ganz Haustyrann im Stile der vorletzten Jahrhundertwende – seine Frau anherrschen darf: „Meine Arbeit geht vor, kommt zuerst, zu zweit und zu dritt“. Und der die Mutter seines lang erhofften Stammhalters offen niedermacht: „Was soll man da noch lieben?“ Die erniedrigte Gattin Käthe (Isabell Giebeler; die Anlage ihrer Rolle gestattet ihr wenigstens, einen Teil ihres Talents aufblitzen zu lassen) fügt sich ins Unvermeidliche. Sie buhlt um Mitleid („Manchmal bist du so grausam. Ich werd' nur klein gemacht. Ich bin nicht gefühllos“), heult ein bisschen rum, ritzt sich mit dem Messer, kümmert sich um's Kind und hat sogar noch Verständnis für ihre Nebenbuhlerin Anna (Vanessa Czapla). „Ich weiß, was du leidest“, sagt sie zu der fatalen Femme in weiblicher Solidarität und küßt Anna inniglich auf den Mund. Im Hauptmann-Original war eigentlich nur ihr Mann Johannes Vockerat für diesen Part vorgesehen; und zwar in der Szene, als Anna ihn verlässt.

 

Schmiegen sich aneinander und sind sich doch fremd: Käthe (Isabell Giebeler) und Johannes Vockerat (Cino Djavid). Foto: Staatstheater Braunschweig Thomas M. Jauk/Stage Picture

Ob er und Anna auch noch knattern, bleibt nebulös. Letztere zeichnet die Regisseurin ohnehin mehr fragwürdig als sibyllinisch. Das Unerhörte ihrer 1891 erdachten Rolle, eine Marlene Dietrich ebenso antizipierend wie eine verderbliche Leni Riefenstahl, geht im Blabla ihrer Weisheiten spurlos verloren: „Dein Herz ist dein Feind“ twittert heutzutage jeder Lippenstift-Konzern an die minderjährige Kundschaft.

Auf jeden Fall schleicht sich vage das schale Gefühl ein, der frischgebackene Vater Vockerat habe sein Eheweib mindestens im Geiste betrogen. Sozusagen ein moralischer Seitensprung. Und das ist nach den äußerlichen 60-ern, den hedonistischen 80-ern und den innerlichen 90-er Jahren gerade in den weinerlichen 2010-ern wieder ziemlich widerlich. Der schwarze moralische Peter ist somit verteilt. Gerechterweise stirbt sein Träger zum Schluss ja auch.

 Bewegen sich auf schmalen Graten (v.l.): Isabell Giebeler, Tobias Beyer, Cino Djavid und Vanessa Czapla. Foto: Staatstheater Braunschweig Thomas M. Jauk/Stage Picture

Die Hinzufügungen und Streichungen am Skript des Literatur-Nobelpreisträgers Hauptmann haben die Braunschweiger Neu-Inszenierung leider nicht aktueller gemacht; dafür aber die inhaltliche Tiefe auf ein unerträgliches Mass kastriert. Johann trennt seinen Müll nicht. Vor hundertdreißig Jahren durften Männer ihre Ehefrau noch züchtigen. Vergewaltigung in der Ehe war früher nicht strafbar und die Frau durfte nur einen Beruf ergreifen, wenn der Göttergatte zustimmte, klagt das Neu-Script an. Ja, das war schrecklich. Die meisten modernen Männer im Publikum wissen es, schämen sich kollektiv dafür und können es trotzdem nachträglich nicht ändern. Sie lebten damals noch nicht. Ein paar ältere Damen applaudieren. Aber was hat das mit der Handlung des Stückes zu tun? Und warum beklagt das Theater von heute verschüttete Milch von gestern, die längst aufgeleckt ist?

Andererseits fällt in Buddeberg's Inszenierung Vockerats intrigante Mutter dem Rotstift ebenso zum Opfer wie der Pfarrer. Braun (Robert Prinzler) treibt als Randfigur belanglos neben der Handlung her, ohne dass es zum hochgeistigen „philosophischen Ehekrieg“ mit Johannes kommt. Lediglich Tobias Beyer als Vockerat senior darf und kann mitunter brillieren – als halbdebile Parodie eines Werwolfs, der seinen schlafenden Säuglingsenkel nicht mal erschreckt. Oder als kriecherischer Bittsteller vor der naseweis-arroganten Störerin Anna, der die Regie keine einzige Pointe schenkt. Oder als griechischer Einmann-Tragödienchor zu psychedelischer Synthie-Musik in den leider vorenthaltenen Pausen zwischen den Akten.

Nach etwa eineinhalb Stunden ensuite ist das Stück abgespielt. „Nichts bleibt im Morgenlicht“, entschädigt Beyer dazu schaurig-schön singend für die Wirrnisse und Längen.

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