BS Energy: Der Strom geht ins Netz, der Dreck bleibt hier


Das Heizkraftwerk (HKW) Mitte. Aus Schweröl, Kohle und Gas produziert BS Energie rund 40 Prozent mehr Energie, als die Braunschweiger kaufen. Luftbild: Klaus Knodt

Die Veolia-Tochter BS Energy versorgt die Hälfte der Braunschweiger Haushalte mit Strom und Wärme. Dass sie dies „ökologisch“ tut, ist eine Irreführung.

Wie grün ist eigentlich Strom? Oder wie blau-gelb? Was wir aus unserer Steckdose beziehen, hat zwar physikalische, aber keine physischen Eigenschaften. Strom ist nicht einmal farblos. Strom ist nur ein Energiefluss, der sich anhand Spannung und Stärke definieren lässt.

Wer also grünen, blauen, gelben, schwarzen oder knallvioletten Strom kauft, erhält für seinen Küchenmixer das haargenau selbe Produkt wie alle anderen Abnehmer in Europa. Für „grünen“ Strom aus Biomasse, Solar-, Wind- oder Wasserenergie zahlt er nur deshalb einen höheren Preis, weil er mit dem Versorger einen Vertrag schließt. Da steht dann sinngemäß drin: Du, mein lieber Versorger beschaffst Dir soviel Strom aus regenerativen Quellen, wie ich Dir abnehme. Wenn ich 2500 kwH „Ökostrom“ im Jahr verbrauche und bezahle, dann produzierst Du gefälligst 2500 kwH Ökostrom im Jahr oder besorgst ihn Dir irgendwo anders auf der Welt.

Selbst moderne „GuD“-Kraftwerke produzieren fast halb soviel Klimagas CO² wie alte Braunkohlemeiler. Diagramm: Universität Göttingen

Die Luft über Braunschweig muss deshalb nicht besser werden. Die Ökostrom-Kontingente kann der Versorger aus schwedischer Wasserkraft, Offshore-Parks vor Sylt oder Solarfarmen hinter Almeria zukaufen. In Braunschweig und Mehrum produziert der Versorger BS Energy dagegen fast nur dreckigen Strom aus Kohle (Kessel 1 an der Hamburger Straße), Schweröl und Gas (2016: 837 GWh, also 837 Millionen Kilowattstunden), der ins europaweite Netz eingespeist wird – und den ihm mit Glück ostelbische Hüttenwerke abkaufen, die mit jedem Cent rechnen müssen. Denn im BS-Netz wurden 2016 von BS Energy nur noch 535 GWh Strom verkauft, Tendenz seit 2012 rapide fallend. BS Energy produziert somit am Standort Braunschweig rd. 300 GWh mehr dreckigen Strom, als die Braunschweiger bei BS Energy kaufen.

Auf dem Handelsweg „europäisches Netz“ findet auch Atomstrom aus schrottreifen Katastrophen-Reaktoren wie Thiange und Cattenom den Weg in alle Braunschweiger Haushalte. Egal, ob das Produkt „Ökostrom Gold“ oder „Eintracht-Strom“ heißt. Wie gesagt: Strom hat keine Farbe.

Nun argumentiert BS Energy, man sei auf die „sauber“ geredete Gasverstromung umgestiegen. Doch auch in einem modernen Gas- und Dampfturbinenkraftwerk (GuD), wie es BS Energy seit 2011 zusätzlich an der Hamburger Straße betreibt, wird noch rd. 45% des Klimagases CO² erzeugt, wie beim Verbrennen von Lausitzer Braunkohle entsteht (Braunkohle: 980 – 1230 Gramm/kWh, GuD: 410 – 430 Gramm/kWh., Studie der Universität Göttingen aus 2007, seither wurden keinen neuen Studien mehr veröffentlicht.

Warum verstromt die mickrige Veolia-Tochter BS Energy also mitten in Braunschweig mehr fossile Energien, als sie in Braunschweig absetzt? Weil sie sich verpflichtet hat, fast die Hälfte der Braunschweiger Haushalte mit Fernwärme zu versorgen. Und dafür reicht nicht einmal ihre neue „GuD“-Anlage aus. Immer wenn es kalt wird, müssen zusätzliche Gas- und Schwerölkessel angeworfen werden. Denn Wärme lässt sich nicht aus Schweden, Lappland, Sylt oder Almeria nach Braunschweig transportieren. Ein fast unlösbares Dilemma, auch marketingtechnisch. Billigste Lösung für die hanebüchen ideenlosen SteinzeitkriegerInnen im Konzern: Sie lassen eine Trambahn bunt mit Sonnenblumen und Schmetterlingen bekleben, auf der zu lesen ist: „Bewahren Sie die wunderbare Welt der Natur.“ Da soll wohl der Verbraucher das jahrelange Missmanagement eines Vorstands mit Ökostrom-Aufschlägen ausbügeln.

Über Erdwärme, solare Wärmeerzeugung oder Heizwärme aus Biomasse hat der fossil-atomar gut positionierte Eigner Veolia mit seinem Töchterlein BS Energy (im Aufsichtsrat: Oberbürgermeister Ulrich Markurth SPD, Landtagsabgeordneter Christoph Bratmann SPD, Ratsherr Klaus Wendroth CDU) offenbar nie nachgedacht. Und dass BS Energy sich mittlerweile in bedrohlicher Ertragslage befindet (Umsatzrückgang um 101 Mio. Euro!), scheint den Minderheitseigner Stadt Braunschweig und seine „Aufsichtsräte“ auch nicht sonderlich zu interessieren. Sie haften ja auch im Falle von unerträglicher Dummheit nicht für eine mögliche Pleite.

 

Mit bunter Straßenbahn-Reklame verschleiert BS Energy, dass am Standort Braunschweig fast nur dreckiger Gas-, Öl- und Kohlestrom produziert wird. Foto: Klaus Knodt

Stattdessen verpestet BS Energy die Stadt unnötig weiter mit klimaschädlichem Kohlendioxid (CO²), Stickoxiden (NOX), Schwefeldioxid (SO²) und Feinstaub/Russ für Energie, die in Braunschweig gar nicht gebraucht wird. Der Strom geht ins Netz, der Dreck bleibt hier.

Erst wenn BS Energy komplett auf den Zukauf von Atomstrom oder die Produktion von Strom aus fossilen Energieträgern in der Region verzichtet, ist der Braunschweiger Strom wirklich „grün“ oder „ökologisch“. Mit ein paar Windrädchen in Geitelde oder einer Miniturbine im Wasserwerk-Zulauf des Flüssleins Oker wird das nicht gelingen. Leider stehen diesem Verzicht wohl die Wirtschaftsinteressen eines französischen Mehrheitsbesitzers entgegen, der mitten in Braunschweig aus Kohle Energie macht - weil er mit Energie Kohle machen will.


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