Venezuela - Ein weiterer Brief an die Freundin in Braunschweig

Zwei Freundinnen schreiben sich. Sie kennen sich seit ihrer Schulzeit, doch die Lebenswege trennten sich. Die eine Braunschweigerin (Helga) ging vor etwa 50 Jahren nach Venezuela, die andere blieb in unserer Stadt. Alles nichts Besonderes. Interessant ist der Briefwechsel. Er zeigt seit Jahren, wie es immer schwieriger wird in dem bolivarischen Venezuela zu leben. Hier nun eine Auszug aus einem Brief aus Venezuela, der kürzlich wieder in Braunschweig angekommen ist. Um alles zu verstehen, sollte der 1. Brief vom 3.02.2015 auch gelesen werden.

Aus dem 2. Brief: "Wie sehr man sich doch im Alter ändert! Ich weiss nicht, ob es Dir genauso geht, aber für uns sind viele Dinge vollkommen unwichtig geworden, die an sich immer wichtig waren und funktionieren mussten. Na, es liegt sicher auch viel daran, dass wir hier so Einiges hinnehmen müssen wie es kommt. Oft sind wir ohne Wasser, aber wir haben einen Tank im Appartment, und damit kommen wir klar. Gibt es keinen Strom, ok, wenn es am Tage ist, kein Problem, dann bleiben wir eben zu Hause. Erwischt uns das mal, wenn wir gerade nach Hause kommen, dann gehen wir eben langsam unsere 13 Stockwerke zu Fuss rauf. Sind wir abends ohne Strom, so gibt es Kerzen.

Eine Lösung gibt es immer und das erste was man lernt, wenn man nach Venezuela kommt, ist viiiiiel Geduld zu haben. Männer haben die weniger, und so hat Claus seine Probleme damit gehabt, aber mit der Zeit und den Jahren ist er auch etwas geduldiger geworden. Internet haben wir dann wenn es der Regierung passt, und das ist oft nicht der Fall. Also Geduld, denn wenn ich mich darüber aufrege, geht mein Blutdruck in die Höhe und Internet funktioniert trotzdem nicht. Seit 4 Tagen sind wir ohne Kabel. Wenn ich den Fernsehapparat anmache, habe ich nur die hiesigen Sender, in denen einer mehr als der andere über die Oposition schimpft und den Castro/Komunismus hochleben lässt. Also bleibt der Fernseher aus. Irgendwann wird das Kabel wieder funktionieren.

Unser grösstes Problem sind die Lebensmittel, die es nicht mehr gibt. Unsere Nachbarin, unsere Schwiegertochter und unsere Nichte, die einzige, die noch im Lande ist und in Valencia lebt, und wir, teilen alles wenn einer etwas bekommt. Man sucht am Schwarzmarkt, und wenn man etwas bekommt, ist es sündhaft teuer. Unsere Ersparnisse sind alle in Lebensmittel investiert. Nie im Leben habe ich auch nur die Hälfte der Vorräte gehabt, die ich jetzt habe. In die Kühlschränke und Tiefkühlschränke geht nichts mehr rein, die platzen bald. Da muss man ganz einfach kaufen, wenn Du etwas bekommst, ohne nach dem Preis oder der Marke zu fragen, denn Du weisst nicht, ob und wann Du wieder etwas bekommst. Und so geht es allen hier.

Am schlimmsten sind die Menschen dran, die das Geld nicht haben, um vorzusorgen. Wie ich Dir ja schon schrieb, nebenan haben wir einen Supermarkt und jeden Morgen, wenn ich gegen 6 wach werde und aus dem Fenster sehe, ist die Menschenschlange unbeschreiblich. Alle warten darauf, dass es 8 Uhr wird und der Supermarkt aufmacht. Werde ich mal morgens um 3 oder 4 wach und sehe raus, dann ist da bereits eine Schlange. Jetzt sind es nicht mehr hunderte von Menschen, vermutlich sind es weit über tausend, sie sind unzählbar. Und das ist nicht nur hier, das ist vor jedem Supermakt so. Soldaten kontrollieren die Supermärkte. Sie sind bewaffnet, denn nicht immer warten die Menschen friedlich stundenlang. Ach, das ist einfach nicht zu beschreiben und ich wünsche diese Situation niemanden und schon gar nicht in unserem Alter. Ich war seit Wochen nicht in einem Supermarkt. Das letzte Mal fanden wir ausser leeren Regalen einige mit Essigflaschen, einige mit Cornflaketüten und einige mit Pepsi Cola. Das war`s dann auch."


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