Im „Presseclub“ diskutiert: Nachrichten sind die Grundlage des Journalismus

Auf dem Podium (von links): Armin Maus (BZ), Anja Reschke (Panorama), Jörg Quoos (Funke Medien) und Gastgeberin Claudia Gorille (NDR/Presseclub). Foto Klaus Knodt

Wir wissen nicht, ob es gebrannt hat. Aber wir können uns vorstellen, wer das Feuer gelegt haben könnte... Und während die Meute den Brandstifter hetzt, spüren namhafte Journalisten den Wahrheiten de- und induktiv nach.

Anja Reschke („Panorama“-Frontfrau), Jörg Quoos (Chefredakteur Funke-Mediengruppe), Armin Maus (Chefredakteur BZ) und Claudia Gorille (NDR-Redakteurin, Vorsitzende des Presseclub Braunschweig) stritten sich über ein Thema, das schon grundfalsch ausgerichtet war. Unter dem Titel „Journalismus heute – was ist wichtiger: die Haltung oder die Nachricht?“ lockten sie rund 400 Zuhörer in eine Podiumsdiskussion in’s Braunschweiger Pressehaus. Und, was ist nun wichtiger?

 

Die Gäste Anja Reschke und Jörg Quoos stritten heftig, aber fair mit BZ-Chef Armin Maus. Foto: Klaus Knodt

Vor die Antwort stellen die Vier auf der Bühne viele Nebelkerzen. Niemand möchte sich als Faktenverweigerer outen. Und Niemand möchte sich in dem Odeur einnisten, aus politischer Überzeugung heraus Fakten falsch gewichtet zu haben. Die „Panorama“-Frontfrau gesteht öffentlich, dass sie sich „noch nie so schlecht gefühlt“ habe wie nach der sog. „Kölner Silvesternacht“ 2015: „Wir wussten ja nichts von dem, was da passiert war. Wir kamen nach den Feiertagen in die Redaktion und brauchten lange, um uns ein Bild zu machen.“ Unvorstellbar für viele Menschen mit „Haltung“: Auch Asylbewerber können Sexisten sein. Die Kollegen vom WDR hatten keine sicheren Nachrichten geliefert, „und aus Hamburg ließ sich die Lage nicht beurteilen“. Shit happens. Der Beitrag über den größten Skandal des Jahres fiel aus.

Quoos als alter „BILD“-Kämpe wirft ein, man müsse das Handwerk „des alten Recherchierens der Reporter“ vor Ort wieder Ernst nehmen. Von Hamburg nach Köln braucht man vier Stunden. Und er setzt noch Einen drauf: Nach der Sensationsjagd in der Causa Wulff, „an der am Schluss nichts dran“ war, habe es eine „Schnappatmung in den Leitartikelspalten“ gegeben, „weil den Kollegen die Fakten fehlten“. Da wurden verschenkte Bobby-Cars zu Bestechungsstraßenkreuzern aufgepustet, weil es am Treibstoff für Eigenheimerschleichungsvorwürfe mangelte. Wulff war trotzdem reif für’s mediale Schafott.

„Der Enthüllungsdruck bei Skandalen“ treibe die Branche, so klagt „Panorama“-Reschke. „Es gibt Tonangeber, und dann rollt der Zug halt hinterher.“ Ihre Redaktion bekomme Briefe, in denen Zuschauer schreiben: „Ich bezahl’ die Gebühren, also schreib’ auch meine Meinung.“

BZ-Chef Maus: „Wir bemerken eine Vertrauenskrise bei Lesern, die uns nicht einmal die Fakten glauben wollen.“ Quoos erlebte an bürgerlichen Tafeln die lästige Frage der Gastgeberin, wem er „seine Artikel vorlegen müsse“, bevor sie gedruckt werden.

Der Glaubwürdigkeitsverlust der bürgerlichen Presse (inkl. öff.-rechtl. Fernsehen) fußt auf der einst bejubelten Macht des unzensierten Internet, in dem jeder posten darf, was ihm einfällt.

Während Anja Reschke die Freiheit der elektronischen Medien noch hoch hält („Dank Google können wir heute genauer nachprüfen, was tatsächlich passiert. Wer konnte das schon beim Vietnamkrieg?“), warnt Quoos: „Wir sind schlecht beraten, wenn wir uns von allen Blasen im Netz treiben lassen.“

Zufällig twittert gerade heute die beleidigt geschasste Ex-AfD-Frontfrau Frauke P. irgendwas von „Jahrzehnte gescheiterter Integration“ und dass „politischer Wahnsinn“ jetzt „Programm“ werde. Nichts davon beruht auf Fakten. In den letzten 5 Jahrzehnten wurden Millionen Mitbürger mit Migrationshintergrund in unsere Gesellschaft integriert und sind gute Nachbarn, gute Freunde und mittlerweile auch Verwandte und Familienmitglieder. Eine „gescheiterte Integration“ kann da schon empirisch nicht nachgewiesen werden.

Dass „politischer Wahnsinn“ jetzt „Programm“ sei, ist ebenfalls nur eine Meinungsäußerung, aber kein Fakt. Wie will man faktisch „politischen Wahnsinn“ definieren? Und welche Programmatik soll dem innewohnen?

Aber auf der Jagd nach Quote werden solche WirrköpfInnen in jede beliebige Talkshow eingeladen, auch jene der ARD. Über das „Wahrscheinliche“ darf so lange gestritten werden, bis Zahlen vorliegen. Auch so werden „alternative Fakten“ geschaffen. Dem Zuschauer gegenüber stimmt immerhin die „Haltung“ der gut bezahlt Empörten. Die später zu befütternden Vorurteile erschaffen die Medien; und hier zuvörderst die boulevardesken TV-PolitquatscherInnen, ganz alleine und selbst.

Guten und schlechten Journalismus kann man nicht abhängig machen von den Forderungen, die wohlmeinende Haltung stellt. Auch nicht von den Meinungen, mit denen man in vorauseilendem Gehorsam Quote machen kann. Nichts ist erbärmlicher als gutmenschlicher Dünkel.

Guten und schlechten Journalismus kann man nicht abhängig machen von der Art des Mediums, über den er verbreitet wird. Natürlich neigen die klassischen Medien dazu, alles Neue erst mal als „Äbäbäh“ ab zu tun. Gleichzeitig drängen sie selbst mit Apps, Internet-Seiten, Online-Foren, fb- und twitter- aufbereiteten Angeboten oder echten social-media-Kanälen in den Markt. Quoos gehört dazu, die lahme Tante ARD mit ihrer „Frontfrau“ Reschke natürlich auch. Und sogar die BZ, die noch so lange ein Pay-per-Klick Modell versucht, bis auch die bodenständigste Braunschweiger Landbevölkerung diesem den Rücken kehrt.

Was die Diskussion trotz Anwesenheit des BZ-„Ombudsmanns“ Hempel (Ex-Domprediger) leider nicht hervorbrachte, war der Rückschluss: Vertrauenswürdige, weil nachprüfbare Nachrichten beruhen auf Fakten, die entweder evident oder bewiesen sind (und dazu gehört mehr, als nur die Pressemitteilungen des Oberbürgermeister umzuformulieren, liebe BZ).

Womit endlich die Frage nach der Wichtigkeit beantwortet wäre. Nachrichten sind die Grundlage des Journalismus. Ohne sie ist keine Meinungsbildung möglich und es kann keine Haltung zu irgendeinem Thema geben. Quoos sagt: „Jede Nachricht zweimal absichern.“ Doch dazu gibt es auch in den Häusern seiner Funke-Mediengruppe längst nicht mehr genug Redakteure. Das Vier-Augen-Prinzip fiel schon vor Jahren dem Spardiktat zum Opfer.

Gute Journalisten können Nachrichten (Fakten) auch auf alternativen Wegen sammeln, recherchieren, absichern. Ohne, das daraus gleich alternative Fakten werden.


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