„Hairspray“ auf dem Burgplatz: Ein Glanzpunkt und kein Funkeln

Deborah Woodson überzeugt als „Motormouth Maybelle“ in einer ansonsten faden Inszenierung auf dem Burgplatz. Foto: www.staatstheater-braunschweig.de/presse

Rassismus und Ausgrenzung als Thema eines heiteren Musicals – das kann gut gehen, aber auch hart ins Auge. Letzteren bedauerlichen Fall beweist die diesjährige Open-Air-Inszenierung „Hairspray“ auf dem Burgplatz.

Wo einst der „Freischütz“ oder die „Tosca“ Tausende Braunschweiger begeisterten, soll nun offenbar eine angestaubte Broadway-Produktion die konsumfreudige 17/47-er RTL-PLUS-Zielgruppe zur Kultur locken. Das geht gründlich daneben, weil die dargebotene, prüde US-amerikanische Mittelklassenthematik so gar nicht in unser europäisches Weltbild des Jahres 2017 passt, und die banale Story einfach nur eine Plotte ist.

Das pummelige Aschenbrödel Tracy (Beatrice Reece mit viel Spielfreude) von der „Patterson High“ in Baltimore will den Pokal für den Tanzwettbewerb eines drittklassigen TV-Werbesenders zur „Miss Teenage Hairspray“ kriegen und Amerikas Pendant zu Florian Silbereisen ins Bett. Eine böse Hexe, die Fernsehproduzentin Velma von Tussle (hervorragend: Carolin Löffler) protegiert ihre bildhübsche Tochter Amber (Maja Sikora) als Kandidatin. Aschenbrödel freundet sich mit afroamerikanischen Underdogs an, die ihr das Tanzen beibringen (weiß ja Jeder: die können das besser als Weiße), aber wg. Rassismus (war das eben Negativ-Rassismus?) selbst nicht an der Show teilnehmen dürfen. Sie erlebt ein paar Spiessbürger-Abenteuer (Mobbing beim Völkerball-Spiel! Eine Nacht im Knast! Mit dem Schlagstock masturbierende Wärterinnen!), und am Schluss wird alles gut. Irgendwie auch das mit dem Rassismus.

Nein, es liegt nicht am Ensemble, allen voran den Tänzerinnen und Tänzern. Die mühen sich redlich, um noch unterhaltenden Mehrwert für den zahlenden Zuseher rauszuholen. Und wohl auch nicht nur an der neuen Staatstheater-Intendantin Dagmar Schlingmann. Dass das Stück beim Kritiker durchfällt, liegt an der verquasten Regie (Sebastian Welker, ehemaliger Regieassistent am Saarländischen Staatstheater Saarbrücken):

Er quält den Zuschauer mit menschheitsbeglückenden Texten, die Keiner braucht („Hey Leut, here gibt es kein Schwarz-Weiß, sondern nur all Färben des Reagenbowgens!“), menschheitsbeglückenden Pappschildern („Power to the People“, „Peace“ und „Stop Vietnam“), menschheitsbeglückenden Gags (Tracy’s Daddy Wilbur träumt den amerikanischen Traum, das „Doppelfurzkissen“ zu vermarkten) und menschheitsbeglückender Ideologie in stalinistischer Doktrin: Irgendwie ist doch jeder Mensch schön, auch wenn er fett und untalentiert ist. Irgendwie.

Andy Warhols berühmte 15 Sekunden hat der sicher auch schöne Welker nun wohl irgendwie hinter sich. Der Reporter weiß aber auch Positives zu berichten: Für den grandiosen und stilechten Sixties-Look der Aufführung bekommt Kostümbildnerin Tanja Liebermann eine glatte Eins. Da wackeln Brüste in Spitz-BH’s unter’m Pettycoat-Kleid, und fesche (schwarze) Kerle verbergen nur halbherzig das Gemächt in hautengen Pantys. Und Amy Share-Kissiov (Choreographie) arrangiert auf der kleinen Drehbühne in Form eines Plattentellers sogar eine

Chorus Line in mitreissender Broadway-Manier – befeuert vom soliden Orchester unter Tobias Deutschmann und Robert Paul. Hätte der Regisseur diesen Genießermomenten doch nur ein paar Minuten mehr Zeit vergönnt! Aber nein, er möchte nicht unterhalten, sondern auch noch plattitüde Botschaften vermitteln. Tapfer (und meist vergebens) spielt das gute Ensemble gegen ihn an.

Außer Wertung des Stückes steht die grandiose Einzelleistung der Soul- und Gospelsängerin Deborah Woodson („Motormouth Maybelle“). Irgendwie und an den Haaren herbeigezogen in die hanebüchene Story eingebaut, setzt sie mit ihren Solos den klanglichen Glanzpunkt auf eine Inszenierung, der ansonsten jegliches Funkeln fehlt.


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