Ein Märchen wird wahr - Anregungen und Bedenken zur Weihefeier des Schlosses

Vorbemerkung vom Administrator:
Dr. Gert Hoffmann hatte sich Großes vorgenommen, als er beschloss, Oberbürgermeister von Braunschweig zu werden. Kein Braunschweiger war eingeweiht, doch der „Jungen Freiheit“ vertraute er seine geheimsten Pläne an, als er ihr am 2. März 2001 verriet, dass er sich als „Vergangenheitsbewältiger“ bewähren wolle in dieser Stadt. Eine „große Sünde“ der Vergangenheit solle gesühnt werden, er wolle einen Teil des Braunschweiger Stadtschlosses wiederaufbauen. Nun ist es vollbracht. Am 6. Mai wird es eingeweiht. „Dies ist für uns der eigentliche Höhepunkt des Jahres und wird ein geschichtlicher Tag für Braunschweig.“ so der Oberbürgermeister.

„Architektur ist gefrorene Musik“, wusste Schlegel, und was kann es Schöneres geben in einer solchen weihevollen Stunde, als mit lebendiger Musik sie zu umfangen im frühlingshaften Tauwetter der Seelen. Denn von Hegel wissen wir: „Musik ist Geist, Seele, die unmittelbar für sich selbst erklingt und sich in ihrem Sichvernehmen befriedigt fühlt.“ Im Moment architektonischer Vollendung darf sie keinesfalls fehlen. „Mit einem sinfonischen Konzert des Braunschweiger Staatsorchesters ... feiert die Stadt die Eröffnung des wieder aufgebauten Schlosses.“ - so die Pressemeldung.

Matthias Witte wendet sich mit folgendem Brief an Herrn Generalmusikdirektor Jonas Alber, mit dem Wunsch und der Bitte dem historischen Moment Gerechtigkeit widerfahren zu lassen durch eine angemessene Musikauswahl.


Braunschweig, den 20.4.07
Sehr geehrter Herr Generalmusikdirektor Alber,

ich möchte nicht behaupten, dass ich im Auftrag des Herrn Kulturdezernenten Laczny schreibe; ich habe in der folgenden Sache noch nicht einmal mit ihm geredet, aber ich hoffe doch, in seinem Sinne zu handeln. Ich schreibe Ihnen, weil ich fürchte, dass Herrn Laczny die Hände gebunden sind. Die leider Gottes bundesweiten Schlagzeilen, die die Kommentare des ‚Kulturrates’ gemacht haben, nur weil Herr Laczny dem unflätigen selbsternannten ‚Satiriker’ el Kurdi die rote Karte gezeigt hat, lassen weitere klare Direktiven seitens der städtischen Kulturverwaltung solange nicht zu, bis sich die links-liberale Erregungsgemeinschaft wieder beruhigt hat. In solchen Zeiten ist es unsere freudige Pflicht, aus eigenem Antrieb dem Oberbürgermeister entgegenzuarbeiten!

Also zur Sache: Es geht um Ihr musikalisches Rahmenprogramm gelegentlich der Einweihungsfeier des Residenzschlosses. Sie sind Musiker, und wie ich Musiker kenne, leben sie oft ganz ihrer hohen Kunst und vergessen darüber die Dinge der Welt. Und so soll es ja auch sein. Manchmal aber sind die Zeitläufte so, dass sich auch der Künstler dem leidigen politischen Tagesgeschäft nicht entziehen darf.
Wie Sie wissen, ist die Eröffnung des original rekonstruierten Residenzschlosses ein Politikum ersten Ranges. Für den Oberbürgermeister ist diese Feier ein Akt der Genugtuung, ein Zeichen seines endgültigen Sieges über die ewigen Nein-Sager, die aus persönlichem Haß ihm gegenüber gegen den Wiederaufbau des Schlosses waren. Es wäre wünschenswert, wenn für den OB dieser Tag nach all den Anfeindungen in wohlverdienter völliger Harmonie verliefe.
Die erwähnten neuesten Entwicklungen um Herrn el Kurdi machen es nötig, das musikalische Programm nach entsprechenden Gesichtspunkten zu überdenken. Jetzt heißt es Konsequenz zu zeigen, schon im Sinne einer transparenten, der Bevölkerung nachvollziehbaren Verwaltungslinie.

Es ist von dorther abzuraten, in ihr Programm Beethoven aufzunehmen. Ich muss Ihnen nicht erklären, dass van Beethoven berüchtigt war für seine Unflätigkeiten gegenüber dem Erb-und dem Besitzadel. Das Wort ‚Respekt’ gegenüber der Elite seiner Zeit war ihm fremd. Verstehen Sie mich dabei nicht falsch: Der OB und ich haben nichts gegen Beethoven, und wenn Sie z.B. das Violinkonzert in der Stadthalle spielen wollen, ist das in Ordnung. Schließlich leben wir ja in einer Demokratie!

Aber unterscheiden Sie bitte zwischen einem Sonntagskonzert und einem hochoffiziellen Verwaltungsakt, wie es die Schlosseröffnung ist. Bei letzterem hat der Geist der Insubordinanz nichts zu suchen.
Als Kenner der Materie müssen Sie nicht darauf hingewiesen werden, dass Mozart ebenfalls indiskutabel ist. Der Fußtritt, mit dem er von seinem Arbeitgeber, dem Salzburger Fürstbischof, entlassen wurde,.... die so unsäglich tief unter die Gürtellinie zielenden Bäsle-Briefe ...
Haydn scheidet ebenfalls aus. Dieser anarchistische Witz unter der Maske des Konventionellen: das hat etwas durchtrieben Falsches, das vielleicht seinem Vorgesetzten, dem ungarischen Fürsten Osterhasi, nur deshalb gefiel, weil er es gar nicht merkte.
Bach?: anerkannte keinen über sich außer Gott. Meines Wissens hat er sich mit seiner Respektlosigkeit gegenüber der weltlichen Herrschaft sogar einige Tage Gefängnis eingehandelt. Als Vorbestrafter ungeeignet für einen Verwaltungsakt.
Brahms?: berüchtigt für seinen unflätigen Umgang in den Salons der europäischen Eliten.
Schumann: Leider verrückt geworden.

Ich will es kurz machen und eine Positivliste erstellen:

Als Introitus: Das Halleluja von Händel.
über Händel ist der Verwaltung nichts nachteiliges bekannt. Das Halleluja ist wie geschaffen für diesen in der Braunschweiger Geschichte einzigartigen Festanlass: Die Auferstehung des Residenzschlosses, das Wunder von Braunschweig. Dramaturgisch könnte das Erklingen der ersten Akkorde des Hallelujas verbunden werden mit dem Auftreten des Oberbürgermeisters auf dem Balkon des Schlosses. Ein bisschen pathetisch vielleicht, gewiss. Aber wie äußerte sich jüngst der Oberbürgermeister so treffend in Bezug auf das Schloss: Es muss nicht den Feuilletonisten gefallen, sondern der Bevölkerung!

Des weiteren: James Lasts Version des 2. Satzes aus Beethovens Violinkonzert.
Es wäre schade, ganz auf Beethovens unsterbliche Melodien verzichten zu müssen. James Last hat in vorbildlicher Weise die zauberische Schwere dieser Melodien aufgegriffen und dabei von der aufsässigen Widerborstigkeit befreit, die einem den Genuss bei Beethovens ‚Original’-Werken so leicht vergällen können. Ehe Sie die Nase über diesen Vorschlag rümpfen, bedenken Sie bitte, wie sinnig die Wahl gerade einer solchen Bearbeitung des Beethovenschen ‚Originals’ für die Schloss-Eröffnung ist. Das Schloss, wenn auch authentisch wiedererstanden, ist ebenfalls nicht in jeder Hinsicht original rekonstruiert. Und das ist auch gut so. Herr Dr. Wedemeyer, ein von Herrn Dr. Hoffmann hochgeschätzter Kunstexperte, bestätigte jüngst, dass nur weltfremde akademische Opportunisten eine originale Rekonstruktion des Schlosses hätten fordern können. Nun aber ist es wunderbarerweise ein Schloss fürs Volk geworden, das darin shoppen kann. Mit einem mutigen Bekenntnis zu James Last können Sie dem OB signalisieren, dass Sie nicht zu den weltfremden Opportunisten gehören, sondern seiner so kühnen wie volksnahen Vision einer Symbiose von Kunst und ‚Kommerz’ zu folgen vermögen.

Mit dem dritten Werk, sozusagen dem Rausschmeißer, habe ich mich sehr schwer getan.
Zunächst favorisierte ich das Werk eines Braunschweiger Komponisten: die Instrumentalfassung von Norbert Schultzes ‚Bomben auf Engelland’, dessen kraftvolle Melodik mir aufs Schönste die alle Widerstände brechende Durchsetzungskraft unseres OB musikalisch zu verkörpern scheint.
Und doch rate ich dringend ab. Der OB hat eine Vergangenheit. Ich kann mich dazu nicht näher äußern, aber Sie wissen vielleicht Bescheid. Eine Vergangenheit, wg. der er von der linken Szene seit nunmehr fast 40 Jahren politisch verfolgt wird. Ich fürchte nun, dass die auswärtige Presse, linksdominiert und zudem noch durch den ‚Fall’ el Kurdi aufgescheucht, das Spielen dieser leider Gottes von den Nationalsozialisten missbrauchten Musik zum Anlass nehmen könnte, auf plumpe Weise Verbindungen herbei zu konstruieren ... Unmöglich! Das Bild, das Braunschweig am historischen Tag der Schloss-Eröffnung der Welt bietet, muss unter allen Umständen eines sein: makellos sauber.
Zudem ist Schultzes Musik ja tatsächlich mit einem Text konnotiert, der nur allzu leicht zu Missverständnissen führen kann. ‚Bomben auf Engelland’?: Nein, so kann man das heute wirklich nicht mehr sagen. Und der OB hat partout nichts gegen Engländer. Schließlich leben wir ja in einer Demokratie, und dazu gehört auch Völkerfreundschaft.
Also bleibt wohl nur das Niedersachsenlied. Spielen Sie es bitte wenigstens schön schmissig!

Sicher, den ewigen kulturkritischen Nörglern wird dieses Musikprogramm nicht gefallen, aber -wie gesagt- hier geht es nicht um ein Sonntagskonzert, sondern um eine Feier, die der OB dem Volk schenkt. Und für das Volk wird Braunschweig nach dieser Feier -wenn Sie meine bescheidenen Vorschläge zu ihrer musikalischen Untermalung befolgen wollen- sicher die Kulturhauptstadt der Herzen sein.

Mit freundlichen Grüssen
Matthias Witte

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