Konsumverein: Was man von außen nicht sieht

 

Künstler Franz Burkhardt lenkt mit seiner Installation im „Allgemeinen Konsumverein“ die Blicke der Besucher auf neue Wege. Foto: Marcus von Bucholz

Wohnung kann hässlich sein, und doch prägt sie Identität. Sie ist der Schutz nach dem Nachhausekommen, die Enge vor dem Fliehen; mal muffig, mal sauber, mal unaufgeräumt, mal durchgestyled. Sie decouvriert ihre Bewohner mehr, als eine 1000-seitige Autobiographie. Sie entlarvt Schwächen, enthüllt Vorlieben, spiegelt politische Ansichten und sexuelle Neigungen. Und sie kann den Besucher manipulieren in seinem Denken über die Bewohner, Emotionen stimulieren, Erwartungen enttäuschen, Klassifizierungen nahelegen.

 

Konsumvereins-Vorsitzende Dr. Anne Mueller von der Haegen eröffnete die Ausstellung, die bis zum 24. Mai läuft. Foto: Marcus von Bucholz

Dieses „sorgfältig inszenierte Spiel von Schein und Sein“ (Ausstellungstext) treibt der heute in Belgien lebende Braunschweiger Künstler Franz Burkhardt mit seiner Installation „3 Zimmer, Küche, Diele, Bad“ im Allgemeinen Konsumverein auf die Spitze: Mitten in der Ausstellungshalle hat er seine persönliche Erwartungsabstraktion modelliert. Im Massstab 1:1, begehbar, aber nicht zu ergründen, denn hinter dem Flur sind alle Türen zu. Der Betrachter kann nur vermuten, was er in den Zimmern erwarten könnte – und so wird er gezwungen, seine Ungewissheit durch stereotype Phantasien zu ersetzen, das Nicht-zu-Erfahrende vorzudenken, sich in die trügerische Gewissheit seiner eigenen Erlebnisbiographie zu begeben.

Hund, Porträt, Heizkörper: Wer wohnt in dieser geschmacklichen Kakophonie? Foto: Marcus von Bucholz

Was könnte ihn hinter der Klotür erwarten, auf der ein Badge verkündet: „Seitdem ich im Sitzen pinkle, muss ich auch immer gleich kacken“? Und warum hängt da eine Dackel-Lithographie in ansprechendem Schwarz-Gold-Rahmen über dem rotten Heizkörper? Ist es überhaupt eine Lithographie oder nur ein billiger Druck? Und das Portrait daneben?...

„Franz Burckhardt kitzelt den Voyeurismus“ (der uns allen innewohnt), erklärt der Programmflyer. Und das lenkt die Frage auf den wesentlichen Punkt: Wir wollen alles wissen, verstehen, Zusammenhänge logisch erklären. Werden uns nur Fragmente der unsichtbaren Wirklichkeit vorgeworfen, schnappen wir diese Häppchen gierig auf, um ein gedankliches Zerrbild der Realität zu konstruieren. Hinter jeder Tür verbirgt sich eine unsichtbare „Scheibenwelt“ (Terry Pratchett, 1948 – 2015), wie Dr. Anne Mueller von der Haegen, 1. Vorsitzende des Allgemeinen Konsumvereins, während der Vernissage betonte.

Und sie gewann der Installation noch ein leider heute brandaktuelles Seitenthema ab: „Früher stand man morgens auf, holte die Zeitung und guckte sich solche Wohnungen als Mietobjekt an. Heute braucht man Schufa, Gehaltszettel, Führungszeugnis und ein Tablet, damit man die Bude überhaupt besichtigen darf.“

Die kleine, aber feine Installation ist zu sehen im Allgemeinen Konsumverein, Hinter Liebfrauen 2, Braunschweig, Do. 18 – 22 Uhr und Sa./So. von 14 bis 18 Uhr.

Info unter www.konsumverein.de

 


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