An Orten der Stille den Klängen nachspüren

Die Wiener Künstlerin Ulla Rauter installierte auf dem Friedrich Wilhelm-Platz einen „Stillekompass“. Er zeigt inmitten des Lärms in Echtzeit an, wo es in Braunschweig gerade am Leisesten ist.

Foto: Klaus Knodt

Sie gelten als Plätze der ewigen Ruhe. Doch Braunschweigs Friedhöfe führen ein klangliches Eigenleben: Da schallt Kinderlachen vom nahen Schulhof herüber. Gedämpft durch uralte Bäume, dringt der Motorenlärm eines Baggers und das monotone „Toc-toc-toc“ des Rüttlers zu den Gräbern. Und immer, wenn die Ampeln an der Hauptstraße auf Grün Springen, brandet das Grundrauschen einer anlaufenden Motorenmasse heran.

Und dann herrscht plötzlich sekundenlange Ruhe. Die alltägliche Zivilisations-Kakophonie stoppt abrupt und öffnet Freiräume für die meist überhörten Geräusche der Natur in der Stadt: Windrascheln, das Aufprallen eines Tannenzapfens auf dem Boden, Kleintiere im Herbstlaub - bis für Sekunden auch diese leise Symphonie der Natur verstummt. Die Stille über den Gräbern darf sich beklemmend zu unendlicher Spannung steigern.

Die Macher der neuesten Ausstellung im Allgemeinen Konsumverein mit Dr. Anne Mueller von der Haegen (stehend 2. v.l.) und Professor Ulrich Eller (stehend 3. v.l.).

Foto: Klaus Knodt

Der Allgemeine Konsumverein Hinter Liebfrauen hat diese Phänomene zum Programm seines neuesten Kunstprojekts „klangstaetten – stadtklaenge“ gemacht. Auf Braunschweigs historischen Friedhöfen und an vier weiteren Orten in der Stadt entstanden entlang eines 6,5 Kilometer langen Parcours 13 Installationen, in denen die 14 beteiligten Künstlerinnen und Künstler mit ganz unterschiedlichen Mitteln die akustische Sensorik des Betrachters, besser Zuhörers, stimulieren – selbst visuell. Kurator ist Professor Ulrich Eller, der seit 2004 die einzige Professur für Klangskulptur und Klanginstallation an deutschen Kunsthochschulen an der Braunschweiger HBK innehat. Er findet besonders spannend: „Es gibt Geräusche, wo ich am Fenster stehe und darauf warte, dass es erscheint – damit ich mich darüber ärgern kann, wenn es da ist“

Künstler allein auf dem Friedhof. Stefan Roigk (links) installierte im Baumgeäst Lautsprecher, die einen fast sakralen Klangraum im Nichts definieren.

Foto: Klaus Knodt

Dabei sind erstaunliche Werke entstanden: Stefan Roigk hängte für die Installation „Hidden“ 12 Lautsprecher in Form alter Industrielampen in die Bäume des Brüdern-Friedhofs. Sie spielen in einem eng begrenzten Areal eine leise Komposition aus Knacken, Kratzen, Scharren Knirschen und anderen Geräuschen ab – „in einem Raum, der optisch versteckt ist“, so der Künstler. Asa Stjerna lässt als Erinnerung an das Leben der Toten eine Decke aus realistischen und verfremdeten Herzschlag-Tönen über die bemoosten Gräber des Petri-Friedhofs wabern. Und über dem Kreuzfriedhof schüttet Kristof Georgen aus Lautsprecher-Amphoren leises Stimmgewirr, Gemurmel und sogar den Gesang eines Countertenors aus: „Es kann der Eindruck entstehen, dass die Gemeinschaft der Toten in den Gräbern miteinander kommuniziert“, so Georgen.

„Privat- und Geschäftsleute, die Braunschweiger Stiftungen und insbesondere aufgeschlossene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtverwaltung haben diesen Klang-Parcours nach 2009 und 2012 in Braunschweig überhaupt erst ermöglicht“, so Dr. Anne Mueller von der Haegen, Vorsitzende des Allgemeinen Konsumverein e.V. Selbst die Justizvollzugsanstalt Rennelberg zog mit. Für seine Arbeit „dort wo dein kopf liegt“ durfte Aaron Schmitt einen Haftinsassen interviewen, dessen Stimmfragmente in der Klosterstraße abgespielt werden.

Und auch die Stille ist Teil der Klanginstallationen, sogar hochtechnisch berechnet und auf dem lärmigen Friedrich Wilhelm-Platz visuell erlebbar. Dort hat Ulla Rauter einen

„Stillekompass“ installiert. Er zeigt mittels Aussenmikrofonen und Handynetz-Übertragung in Echtzeit an „wo wir gerade die Stille verpassen“, so Ulla Rauter.

 Die Ausstellung läuft bis zum 8. Oktober. Öffnungszeiten, Infos über Führungen und das Begleitprogramm unter www.klangstaetten.de