HAUM: Wie zarte Beutekunst Kultur befruchten kann

 

Kuratorin Dr. Martina Minning stellte die beeindruckende Ausstellung mit 140 Exponaten erlesener Porzellankunst im Herzog Anton Ulrich-Museum zusammen. Die Sonderausstellung läuft bis zum 10. Dezember.

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Beim Wort „Beutekunst“ zucken kulturinteressierte Menschen zusammen und denken zuallererst an die Raubfrevel der Nationalsozialisten im Verlauf des Zweiten Weltkriegs. Doch das Ausplündern von Unterworfenen ist seit Jahrtausenden gang und gäbe – und verhilft dem Herzog Anton Ullrich Museum nun zu einer phantastischen Ausstellung.

Unter dem Titel „Porcellaine royale. Napoleons Bedeutung für Sèvres und Fürstenberg“ zeigt das Haus am Museumswall für drei Monate Dauer kostbare Tafelgeschirre aus Porzellan, edle Biskuitbüsten, Gemälde und Archivalien und erzählt darüber hinaus, wie durch Napoleon der Grundstock der Porzellansammlung des HAUM gelegt wurde.

 

Bouillonschale in Kantharosform und Unterschale mit Farbmusterfächer aus Sèvres. Sie fiel dem HAUM nach Napoleons Absetzung zu.

Foto: C. Cordes, Herzog Anton Ulrich-Museum

„Nach Napoleons Siegeszug durch Europa und seine Kaiserkrönung 1804 fielen weite Teile Europas unter seine Herrschaft. Das Herzogtum Braunschweig-Lüneburg wurde 1807 aufgelöst und ging im Königreich Westphalen auf, das sein jüngster Bruder Jérome Bonaparte in Kassel regierte“, so Museumsdirektor Professor Dr. Jochen Luckhardt. Ergebnis: Auch die Porzellanmanufaktur Fürstenberg musste bluten; umfangreiche Bestände, Produktions- und Materialproben wurden requiriert und an die kaiserliche Porzellanmanufaktur Sèvres bei Paris verbracht.

 

Diplomatie mit Porzellan: Diesen prunkvollen Koffer mit edlem Sèvres-Geschirr schenkte Napoleon 1814 seiner Schwester Caroline, der Königin von Neapel. Der Kaiser ordnete persönlich an, wer welche Stücke erhalten durfte.

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Als Napoleon 1815 sein Waterloo erlebte, forderten die europäischen Fürsten die Kriegsbeute zurück. Die Braunschweiger Gesandtschaft entschloss sich zu einem gewieften Deal: Ein Teil des Fürstenberger Porzellans blieb in Frankreich, dafür entschädigte man sich mit kostbaren Stücken aus der kaiserlichen Manufaktur Sèvres. So beeinflusste und befruchtete die Begeisterung für den „style Empire“ mit ihrer zunehmend mathematisch-geometrischen Formensprache die Fürstenberger Produktion – und legte nebenbei den Grundstock zur Sammlung des HAUM.

„Dieser kulturelle Austausch wurde insbesondere durch die Direktoren der Manufakturen Alexandre Brongniart (Sèvres) und Louis Victor Gerverot (Fürstenberg) befördert“, sagt Austellungkuratorin Dr. Martina Minning. Während Sèvres ausschliesslich für den Hof produzierte, fanden die Fürstenberger Produkte zunehmend Absatz im reichen Bürgertum. Einige der Grundformen haben sich bis heute mit Abwandlungen erhalten.

Unter den 140 Exponaten der Ausstellung finden sich historisch einzigartige Juwelen, wie etwa ein kompletter Picknick-Koffer, den Napoleon seiner Schwester Caroline Bonaparte, Königin von Neapel, zu Neujahr 1814 schenkte. Den umfangreichen und informativen Katalog schmückt eine Bouillonschale mit Unterschale von 1813, die den Meistern in Sèvres als Farbmusterfächer diente – quasi die RAL-Karte des beginnenden 19. Jahrhunderts.

Die Ausstellung wird ergänzt durch ein Rahmenprogramm, darunter einer Führung mit Kuratorin Dr. Minning (So., 10. September, um 15 Uhr) und einem Workshop „Porzellan mit Pinsel und Farbe“ für Familien mit Kindern ab 3 Jahren (So., 8. Oktober, 11.30 Uhr). Infos unter www.3landesmuseen.de.


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