Jürgen Becker im Museum für Photographie: Das Tagebuch eines sprachlosen Lyrikers

 

Auch die Originalkamera, die ROLLEI 35, mit der Jürgen Becker seine Bildserie aufnahm, ist im Museum zu sehen. Eine Leihgabe seines Enkels Tristan Becker. Foto: Marcus von Bucholz

Was treibt einen Schriftsteller, gar einen hochgeschätzten Lyriker, zur Fotografie? Im Fall des heute mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Hörspielautors und Literaten („Schnee“, „Landschaft“, „Odenthals Küste“) Jürgen Becker war es die Überwältigung der eigenen Sinne. Er fühlte sich „regelrecht überfallen von den Bildern des täglichen Geschehens. Außerstande, sprachlich, literarisch darauf zu reagieren, ließ ich ... meine kleine Rollei klicken“, sagt er im Interview mit Barbara Hofmann-Johnson.

 

Direktorin Barbara Hofman-Johnson stellte im Museum für Photographie die Ausstellung mit Bildern von Jürgen Becker vor. Foto: Marcus von Bucholz

Beckers’ seinerzeitige Sprachlosigkeit angesichts des Erlebens der Stadt New York hat dem Museum für Photographie in Braunschweig nun eine Ausstellung von dokumentarischem Rang beschwert. Es zeigt 80 Bilder von Jürgen Becker in New York aus dem Jahr 1972, die er wie zufällig mit einer Rollei 35 bei Spaziergängen über den Broadway aufnahm. Becker sagt, er habe die „täglichen Gänge durch die Stadt in einer Art von visuellem Tagebuch“ festgehalten. Von seinem Sohn Boris handentwickelt und publiziert, ist die Ausstellung in Braunschweig nun erstmals komplett zu sehen.

Nachts glitzernd und in Farbe kann Jeder. Beckers private Erinnerungen an die Stadt, die niemals schläft, entstanden am Tage und im „chiaroscuro“, vulgo: in Schwarz-Weiss. Die Sprache des Reporters, der sein Bild mit Licht und Schatten zur alsbaldigen Veröffentlichung in der village voice komponiert. Die Bildebene bleibt der Sidewalk, der Schwenk in Wolkenkratzer-Gefilde findet nicht statt: Becker sieht New York mit den Augen der New Yorker, die in Ground Zero-Höhe zur Arbeit oder zum Einkaufen eilen. Und dabei sieht er die New Yorker aus einer Perspektive der Augenhöhe.

Demonstrierende Schwarze. Hot-Dog-Verkäufer mit Handkarren, die es damals noch gab. Eine Bauarbeiter-Kolonne. Hausfrauen im falschen Pelz auf dem Weg vom Supermarkt. Zerbeulte Straßenkreuzer aus der Zeit, als die Gallone Sprit noch weniger als Mineralwasser kostete. „Foto galt damals noch als dokumentarisches, und nicht als künstlerisches Medium. Die Bilder von Becker stehen in kunsthistorischem Kontext zu Walker Evans, Robert Frank oder der Streetphotography von Lee Friedlander“, so Kuratorin und Museumsdirektorin Barbara Hofmann-Johnson. Später verwandten Martin Scorsese und Wim Wenders diese brutal schnörkellose Bildsprache: Sieh nur, was du sehen kannst. Ab dem 2. Stock ist Schluss.

Jürgen Becker, aus der Serie New York 1972.  Foto: 1972 © Jürgen Becker und SPRUNGTURM Verlag, Köln

Skurril, dass dieser Schatz der Fotokunst beinahe verloren gegangen wäre. Nachdem Jürgen Becker von seiner zweimonatigen Lesereise aus Kanada und den USA nach Deutschland zurückgekehrt war, interessierte sich sein damaliger Verlag Suhrkamp nicht für die Lichtbilder – sie blieben jahrelang unentwickelt auf dem Dachboden des Dichters liegen. Erst der Sohn hob zufällig den Bilderschatz und erkannte dessen künstlerischen Wert. Jürgen Becker selbst hat nie wieder konzeptionell mit Fotos gearbeitet.

Am Freitag, 11. 08., um 18.30 Uhr, liest Jürgen Becker im Museum aus seinen Werken. Danach beginnt das Sommerfest des Museums. Zur Ausstellung (11. 08. – 24. 09, Museum für Photographie, Helmstedter Straße 1, 38102 Braunschweig, Tel. 0531 – 75000) gibt es jeweils sonntags um 16 Uhr Führungen. Im Rahmenprogramm (www.photomuseum.de) zeigt das Universum Filmtheater am Donnerstag, 21. September, um 18.45 Uhr, den Film „Smoke“. Iris Selke bietet einen Foto-Workshop (inkl. S/W-Bildentwicklung) für Interessierte ab 14 Jahren an.


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